Irisdiagnostik: „Jeder hat das Recht, sich über den Tisch ziehen zu lassen“

Autor: Michael Brendler

Verschiedene Areale der Iris stehen für verschiedene Körperregionen. Verschiedene Areale der Iris stehen für verschiedene Körperregionen. © iStock/PeterHermesFurian

Schau mir in die Augen und ich sage Dir, ob Du Gallensteine hast. Tausende Anhänger der Irisdiagnostik glauben, Krankheiten „auf einen Blick“ erkennen zu können. Von fehlenden Beweisen lassen sie sich nicht abschrecken.

Wer im Internet nach Irisdiagnostik sucht, stößt ziemlich schnell auf ziemlich viele Ergebnisse. Als wissenschaftlich orientierter Mediziner kann man sich nur wundern, dass Menschen im Jahr 2018 wirklich noch daran glauben, körperliche Leiden durch einen tiefen Blick in die Augen zu erkennen, schreibt Professor Dr. Jens Martin Rohrbach­ von der Universitätsaugenklinik Tübingen.

Banal ist das Ganze keineswegs. Der Mediziner schätzt, dass allein in Deutschland mehr als 10 000 Heilpraktiker ihre Patienten auf diese Weise „beglücken“. Anders als frühere Ophthalmologen stehen Kollegen dem Treiben heutzutage aber eher gleichgültig, gar resigniert gegenüber, beklagt er. In einem freien Land habe jeder das Recht, sich freiwillig über den Tisch ziehen zu lassen.

Iridologen gehen davon aus, dass der gesamte Körper mit der Iris über Nerven verkabelt ist. Die rechte Körperhälfte mit der rechten Iris, die linke Seite mit der linken. Auf sogenannten Organfeldern finden sich die unterschiedlichen Systeme.

Farbabweichung oder Furche soll auf Krankheit hinweisen

Z.B. repräsentieren gleich mehrere Felder nahe der Pupille der rechten Iris den (rechten Teil) des Darms, geht zumindest aus einer Lehrbuchzeichnung anno 1916 hervor. Anhand von Krypten, Furchen und Streifen oder Farbänderungen der Regenbogenhaut wird dann auf zurückliegende bzw. zukünftige Krankheiten geschlossen.

Anatomisch oder physiologisch lässt sich das Ganze bisher nicht belegen. In wissenschaftlichen Untersuchungen, etwa zu intestinalen Karzinomen und Gallenblasenleiden, kam man über eine reine Rate­wahrscheinlichkeit nicht hinaus. Immerhin mahnen die Experten der Bundesärztekammer, solch zweifelhafte Methoden gesetzlich zu regulieren.

Ursprung war eine Eule mit gebrochenem Bein

Obskur erscheint Professor Rohrbach­ auch der Entstehungsmythos. Die Idee der neueren Irisdiagnostik kam dem Gründungsvater Ignaz von Peczely angeblich, nachdem er einer Eule aus Versehen ein Bein gebrochen hatte. Er schaute dem Vogel tief in die Augen und meinte darin einen Balken zu erkennen. Für ihn eindeutig das Zeichen des körperlichen Gebrechens. Fortan will er solche Hinweise auch bei seinen Mitmenschen gesehen haben.

Dass diese Theorie sogar im 21. Jahrhundert noch so viele Anhänger findet, ist laut Prof. Rohrbach wohl auch ein Stück weit hausgemacht. Heilpraktiker und Iridologen besitzen etwas sehr Wertvolles, dass Ärzte heutzutage nicht mehr erübrigen können: Zeit.

Quelle: Rohrbach JM. Z prakt Augenheilkd 2018; 39: 426-432


Verschiedene Areale der Iris stehen für verschiedene Körperregionen. Verschiedene Areale der Iris stehen für verschiedene Körperregionen. © iStock.com/Pezer HermesFurian