Kränker als die Patienten: Eigenes Leiden kann das Arztsein mächtig verändern

Autor: Michael Brendler

In einer Art Auto-Therapie versucht der kranke Psychiater, sich mit seinen eigenen Dämonen auseinanderzusetzen. © iStock.com/selimaksan

Eine schwere Krankheit ändert alles. Auch für den Psychiater Adam Stern. Durch das eigene Krebsleiden hat sich seine Sicht auf die Patienten radikal verändert. In einem bewegenden Bericht beschreibt der Arzt, was in ihm vorgeht.

Seit ein paar Monaten gibt es den Dr. Adam P. Stern, den seine Patienten einst kannten, nicht mehr. „Im Januar dieses Jahres bekam ich die Diagnose Nierenkrebs, Stadium 3. Die Prognose ist unsicher“, erklärt der Psychiater zu Beginn seines Artikels. Seitdem sei für ihn – ist das ein Wunder? – nichts mehr wie zuvor. Auch der Umgang mit den Patienten ist seit der Diagnose ein komplett anderer.

„Ich hatte regelmäßig mit Patienten zu tun, die nie zufrieden waren. Selbst dann nicht, wenn alles gut lief. Und ich fragte mich immer: Wie ist das möglich?“ Nun aber wisse er, wie es sich anfühlt, allem Positiven solange zu misstrauen, bis es seine Bedeutung verliert. Den eigenen Wahrnehmungen keinen Glauben mehr schenken zu können, von Zwängen und Gedanken beherrscht zu sein – mittlerweile sind das für den Arzt von der Harvard Medical School keine fremden Empfindungen mehr.

Auf einmal keine Spur mehr von Mitgefühl

Psychiatrie hat viel mit Empathie zu tun. Diese Aussage würden wohl nur die wenigsten bestreiten. Aber nach seiner Diagnose musste Dr. Stern plötzlich erleben, dass das einstige Mitgefühl für die Leiden anderer auf einmal ausbleibt. Vieles, was er einst nur von seinen Patienten kannte, spielt sich jetzt auch im eigenen Kopf ab. „Ich kann nur hoffen, dass diese Einsichten mich zu einer Empathie befähigen, die sich irgendwann einmal in einer besseren Behandlung meiner Patienten bemerkbar macht.“ Bisher aber sei das noch nicht passiert, schreibt er.

Ein Jobverlust? Probleme in Ehe oder Partnerschaft? Zwischenmenschliche Konflikte? Konfrontiert mit solchen Schwierigkeiten empfinde er plötzlich nur noch Unverständnis. Denn schließlich habe der Gegenüber ihm doch in der Regel eines voraus: einen Körper ohne lebensbedrohende Erkrankung. „Das Erdbeben, das nur auf meiner Seite des Raumes stattgefunden hat, hat den heiklen Tanz, den Psychiater und Patient gemeinsam aufs Parkett legen, völlig durcheinander geworfen.“

Statt andere zu therapieren, kämpft Dr. Stern inzwischen in einer Art Auto-Psychotherapie selber um die eigene Balance. Und das in einer Welt, die für ihn mit „Grauen, Angst und Furcht“ gefüllt ist. „Ich glaube, ich kann das vor meinen Patienten ganz gut überspielen. Aber vor ihnen sitzt nicht mehr der Doktor, der ich sein möchte.“

Zumindest in den meisten Fällen. Denn manchmal gebe es eben doch noch diese Sitzungen, bei denen sich der Arzt, wie er erzählt, vollkommen auf den Anderen einlassen könne. Bei denen er sich sowohl auf oberflächlichem wie tiefgehendem Level mit ihm verbinde. „Und für einen kurzen Augenblick weiß ich, dass ich gerade gute Arbeit mache“, schreibt Dr. Stern. „Dann vergesse ich sogar meine eigenen Probleme.“ Diese Erfahrungen sind es, die ihm die Motivation zum Weitermachen geben. „Und ich kann nur hoffen, das diese Momente in den kommenden Monaten und Jahren mehr werden.“

Quelle: Stern AP. N Engl J Med 2018; 379: 1104-1105