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E-Zigaretten Löst sich die Abhängigkeit in Rauch auf?

Autor: Sabine Mattes

Vorteile ergäben sich erst dann, wenn der Raucher komplett auf die E-Zigarette umsteige, der Doppelgebrauch dürfe nur eine Übergangslösung sein. Vorteile ergäben sich erst dann, wenn der Raucher komplett auf die E-Zigarette umsteige, der Doppelgebrauch dürfe nur eine Übergangslösung sein. © iStock/AndreyPopov
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Nur jeder zwanzigste ausstiegswillige Raucher schafft es, ohne Hilfsmittel oder Programm längerfristig vom Tabak zu lassen. Derweil wird die Rolle der E-Zigarette in der Entwöhnung seit Jahren kontrovers diskutiert. Die kürzlich aktualisierte Leitlinie empfiehlt sie nicht. Zu Recht?

Die Datenlage zu Sicherheit und Effektivität elektronischer Zigaretten bei der Tabakentwöhnung ist derzeit noch unzureichend. Als Methode zum Rauchstopp werden die Geräte nebst nikotinhaltiger Liquids daher nicht empfohlen. Dennoch versuchen viele Raucher, mithilfe der kleinen Apparate vom Tabak loszukommen.

Geringere Abbruchquoten als bei Standard-Entwöhnung

Im Sinne der Schadensminderung ist es bereits heute tatsächlich vernünftig, auch auf die E-Zigarette zu setzen, anstatt die sofortige und totale Nikotinabstinenz erzwingen zu wollen, meint Professor Dr. ­Heino ­Stöver von der Frankfurt University of Applied ­Sciences. So könnten sich Therapeut und Patient darauf fokussieren, zunächst die Aufnahme schädlicher Stoffe über den Tabakrauch zu verringern. Das Beibehalten liebgewonnener Rituale, die vertraute Handhabung und die Gemeinsamkeiten der herkömmlichen Tabakerzeugnisse und elektronischen Zigaretten erleichtern den Rauchern den Umstieg, reduzieren Entzugserscheinungen und führen zu geringeren Abbruchquoten als etablierte Entwöhnungstherapien.

Erfolgreicher mit Komplettverzicht

Einer aktuellen Studie zufolge bieten elektronische Zigaretten keinerlei Vorteil bei der langfristigen Rauchentwöhnung. Im Gegenteil: Menschen, die vom Zigarettenrauchen wegkommen wollten und stattdessen zur E-Zigarette oder anderen Tabakprodukten wie Schnupf- und Kautabak, Shishas, Zigarren oder Pfeifen griffen, hatten ein höheres Rückfallrisiko. Von Zigarettenrauchern, die komplett vom Nikotin ließen, waren nach einem Jahr noch 50 % rauchfrei. Bei denjenigen, die sich das Qualmen mithilfe anderer Tabakerzeugnisse inklusive elektronischer Zigaretten abgewöhnen wollten, schafften das nur 41,5 %.

Quelle: Pierce JP et al. JAMA Netw Open 2021; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.28810
Autor: Tobias Stolzenberg

Genau diese Ähnlichkeiten können jedoch den endgültigen Ausstieg hinauszögern oder gar verhindern, gibt der Autor zu bedenken: Rund 80 % der Nikotinabhängigen dampfen nach einem Jahr noch immer E-Zigaretten und erreichen keine vollständige Karenz. Das habe – insbesondere bei fortgesetztem Gebrauch – gesundheitliche Folgen über die Nikotinaufnahme hinaus, betont der Kollege. Schließlich enthält der inhalierte Dampf aus den E-Zigaretten gleichfalls Schadstoffe. Bisher besteht weder Klarheit über die genaue Zusammensetzung der Gemische, noch über die gesundheitlichen Gefahren, die von den Liquids ausgehen. Dabei scheinen die E-Zigaretten die Verfassung der Ex-Raucher aber auch nicht zu verschlechtern, so Prof. ­Stöver. Denn immerhin bleiben dem Organismus zahlreiche karzinogene Substanzen und andere Giftstoffe erspart, die ansonsten über den Takakqualm in den Körper gelangen würden. Vielen Anwendern gelingt es tatsächlich, den Nikotingehalt der E-Zigarettenliquids mit der Zeit zu reduzieren. Einige Studienergebnisse zeigen jedoch auch, dass dies oftmals durch vermehrtes Dampfen ausgeglichen wird. Prof. ­Stöver merkt in diesem Zusammenhang an, dass aber dank der elektronischen Zigaretten immer mehr Raucher überhaupt erst den Versuch eines Rauchstopps wagen. Einige Studien zeigen, dass die E-Zigaretten die Rauchentwöhnung ähnlich effektiv begleiten können wie eine Nikotinersatztherapie mit Pflaster, Kaugummi oder Spray, erklärt der Wissenschaftler. Auch das Ausmaß möglicher Nebenwirkungen sei vergleichbar. Die elektronischen Zigaretten und die Liquids sind gut verfügbar und mittlerweile in der öffentlichen Wahrnehmung stark präsent. Somit scheint es verständlich, dass das Dampfen in Deutschland derzeit die beliebteste Variante bei dem Versuch ist, mit dem Tabakrauchen aufzuhören.

Doppelt schädlich

Der Aspekt der Schadensminimierung gilt nicht für den parallelen Konsum von herkömmlichen Tabakprodukten und elektronischen Zigaretten. Dieser häufig betriebene Dual Use verringert zwar die absolute Menge an Tabakrauch, er beendet aber die Schadstoffaufnahme nicht. Zudem verharrt der Nikotinkonsum oft auf dem bisherigen Niveau. Die Wahrscheinlichkeit für einen dauerhaften Rauchstopp nimmt ab.

Allein die verminderte Exposition gegenüber den Schadstoffen sei so signifikant, dass die E-Zigarette unbedingt in Rauchstoppprogrammen Berücksichtigung finden sollte, meint Prof. Stöver. Vorteile ergäben sich allerdings erst dann, wenn der Raucher komplett von der Tabak- auf die E-Zigarette umsteige, der Doppelgebrauch dürfe nur eine Übergangslösung sein. Seiner Ansicht nach ist es an der Zeit, den aktuellen Kenntnisstand in puncto elektronische Zigarette in der nächsten S3-Leitlinie zum Rauchen und zur Tabakabhängigkeit zu berücksichtigen. Das würde den Therapeuten die Möglichkeit geben, die elektronische Zigarette bei der Tabakentwöhnung zumindest in Betracht zu ziehen. 

Quelle: Stöver H. Bundesgesundheitsbl 2021; DOI: 10.1007/s00103-021-03435-5

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