Mit Virtual Reality zum Nichtraucher

Autor: Friederike Klein/Maria Fett

Die neue Therapieform über VR soll helfen, dem Verlangen nach Zigaretten zu widerstehen. © Mrak – stock.adobe.com

Schlüsselreize, sozialer Druck oder emotionale Belastungen können die Erfolge einer Raucherentwöhnung zunichte machen. Mit virtueller Unterstützung lässt sich einem Rückfall vielleicht vorbeugen.

Um dem Glimmstängel dauerhaft zu widerstehen, kommt es gemäß den Ideen der Verhaltenstherapie vor allem auf zwei Aspekte an: Die Person muss sich an jene Reize gewöhnen, die bei ihr Verlangen auslösen. Und es müssen über Jahre gelernte Reaktionen verlernt werden, z.B. in stressigen Situationen zur Zigarette zu greifen. Existierende Entwöhnungsprogramme berücksichtigen diese Punkte zwar. Die Erfolgsquoten liegen nach einem Jahr trotzdem nur bei 30–40 %. Ob sich die Effekte in der virtuellen Realität verbessern lassen, untersuchen aktuell Professor Dr. Anil­ Batra­ vom Uniklinikum Tübingen und Kollegen.

An der bis 2021 laufenden Therapiestudie ViReTa nehmen erwachsene Raucher teil, die täglich mindestens zehn Zigaretten qualmen und seit mindestens zwei Jahren an der Kippe hängen. Bis Anfang Juli konnten bereits 151 von geplanten 240 Teilnehmern rekrutiert werden, sagte Prof. Batra. Besonders Jüngere scheint das Programm zu interessieren.

Alle Probanden nahmen an einer bekannten verhaltenstherapeutischen Gruppentherapie teil. Ein Teil erhält zusätzlich eine progressive Muskelrelaxation, der Rest durchläuft das von den Kollegen erarbeitete virtuelle Expositionstraining. Dabei werden die Teilnehmer mehreren definierten Standardsituationen mit konkreten Schlüsselreizen ausgesetzt. Zudem konfrontieren die Kollegen sie mit emotionalen Triggern, etwa „Langeweile“, „Stress“ oder „Entspannung“, an die sie sich gewöhnen sollen. Avatare imitieren soziale Interaktionen, in denen die Raucher lernen, Zigaretten in typischen Rauchsituationen zu entsagen.

Um die Qualität des Studiendesigns zu erhöhen, erfolgt die Auswertung verblindet. Auch eine Katamnese über sechs Monate ist geplant und ereigniskorrelierte Potenziale sollen Hinweise über eine Habituation liefern. Gravierende Unverträglichkeiten haben sich bislang nicht gezeigt, erklärte Prof. Batra.

Der Suchtmediziner hofft auf einen Erfolg seines Programms. Nicht nur, dass es das bestehende Behandlungsangebot ggf. ergänzen könnte. Auch sei denkbar, es auf andere Suchterkrankungen zu übertragen, etwa auf illegale Drogen. Zudem entwickelt sich die Technik rasant weiter, wodurch sich die virtuelle Realität noch individualisierter auf bestimmte Rauchtypen oder persönliche Schlüsselreize und Situationen abstimmen lässt.

Kongressbericht: 20. Inter­disziplinärer Kongress für Sucht­medizin