Münchhausen-Stellvertretersyndrom: Wenn Eltern Symptome ihrer Kinder erfinden

Autor: Maria Fett

Beim Münchhausen-Stellvertretersyndrom wird das Kind u.a. häufig und wiederholt zu medizinischen Untersuchungen und Behandlungen vorgestellt. © iStock.com/Steve Debenport

Sie erfinden Fieber, Krämpfe oder Blutungen ihrer Kinder und mal­t­rä­tie­ren sie dadurch mit unnötigen Untersuchungen und Therapien. Oft ist es schwer zu unterscheiden, ob Eltern nur besorgt sind oder ein Münchhausen-Stellvertretersyndrom vorliegt.

Antonia kam im September 2005 per Sektio in der 38. Schwangerschaftswoche zur Welt. 17 Tage später begann ihre Odyssee, als die Eltern sie das erste Mal zu Dr. Ulrich­ Lips auf die Notfallstation des Kinderhospitals Zürich brachten, weil sie nicht zunehme. Der ehemalige Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle Zürich beruhigte die Eltern zunächst. Weiter beobachten, noch sei das nicht problematisch. Zwei Tage später kamen die beiden erneut, ihre Tochter nehme einfach nicht zu. Wieder beruhigte sie der Kinderarzt. An Tag 23 nach der Geburt dasselbe Spiel.

In den folgenden Wochen nannten die aus Syrien stammenden Eltern eine Vielzahl von Gründen, weshalb Antonia immer wieder hospitalisiert werden musste. Mit fünf Wochen habe sie vermehrt geschrien, in Lebenswoche 7 vermuteten die Eltern einen Schiefhals. Als das Mädchen mit zehn Wochen aufgrund vermeintlicher Zyanos­e­attacken in Armen und Beinen zu Dr. Lips kam, folgten Röntgenthorax, Ultraschall des Abdomens, EKG und Langzeit-EKG sowie diverse Labortests. Er verschrieb einen Protonenpumpenhemmer.

Inzidenz beläuft sich auf rund 1 %

Vier Wochen später berichtete die Mutter, sie habe Blut im Erbrochenen und in den Windeln von Antonia gefunden. Oesophago-Gastro-Duodenoskopie, Kolonoskopie, gynäkologisches Konsil und Katheterurin waren allerdings unauffällig und nach 13 Tagen wurde das Kind ohne Diagnose entlassen. Als Antonia mit 4,5 Monaten aufgrund vaginaler Blutungen von einer aufmerksamen Kollegin untersucht wurde, verhärtete sich die Vorahnung von Dr. Lips. Die Ärztin hatte notiert, dass Antonias Symptome immer dann auftreten, wenn die Mutter ihre Periode hatte. Ein DNA-Abgleich bestätigte: Das Blut in Windeln des Mädchens war das Blut der Mutter.

Dieser Fall verdeutlicht die Tragweite des Münchhausen-Stellvertretersyndroms, bei dem Eltern, die zunächst sehr kooperativ und bemüht wirken, Symptome ihrer Kinder erfinden und/oder erzeugen. Blutungen, Krämpfe, Apathie und Dyspnoe gehören zu den häufigsten erdachten Beschwerden. „Wenn Eltern vorhandene Symptome nur übertreiben, ist es kein Stellvertretersyndrom“, stellte Dr. Lips klar. Seiner Erfahrung nach wird das in der Praxis häufig verwechselt. In den wenigen guten Studien beläuft sich die Inzidenz des Münchhausen-Stellvertretersyndroms auf 0,53–2,8 %. Eine Untersuchung am Kinderhospital Zürich kam 2017 auf 1 %.

Meist sind Mütter die Täter, nur in 7 % der bekannten Fälle wurden Väter als solche identifiziert. Fast ein Drittel der Täterinnen weist einen medizinischen Hintergrund auf. „Sie wissen, wie man die Symptome darstellen und herbeiführen kann“, sagte Dr. Lips. Blutungen lassen sich wie bei Antonia z.B. mit Fremdblut simulieren, durch okkulte Verletzungen und Intoxikationen mit Antikoagulanzien provozieren. Krampfanfälle und Apathie können durch Medikamente bzw. Hypox­ämie erzeugt werden, Dyspnoe durch Strangulation.

Was aber bringt Eltern dazu, so etwas zu tun? Es gibt keine einheitliche Pathologie, erklärte der Kinderarzt. Manche wurden selbst misshandelt, andere leiden an somatoformen oder Persönlichkeitsstörungen wie Borderline- oder Münchhausen-Syndrom. In den meisten Fällen kann man dann beobachten, dass sich die Väter vom Familiensystem distanzieren und die Erziehung der Mutter überlassen. Selten unternehmen sie etwas oder schöpfen Verdacht, so Dr. Lips.

Psychische und körperliche Schäden bis hin zum Tod

Der Fall von Antonia zeigt auch, wie schwierig es sein kann, dem Stellvertretersyndrom auf die Spur zu kommen. Im Schnitt dauert es 22 Monate. Oft sind Kleinkinder im Altersdurchschnitt von 40 Monaten betroffen, selten größere. Abgesehen von den psychischen Folgen und Schmerzen durch die zahllosen Untersuchungen kommt es in 6 % der Fälle zum Tod des Kindes, 7 % behalten körperliche Schäden. Restriktionen im Alltag und Hilfsmittelabhängigkeit (z.B. Rollstuhl) zählen zu den weiteren Folgen. In 61 % der Fälle haben Geschwister ähnliche Symptome.

„Sie sollten hellhörig werden, wenn Ihnen unbekannte oder sehr seltene Symptome von den Eltern präsentiert werden“, riet Dr. Lips. „Diese treten nur in Anwesenheit der Mutter auf.“ Auch wenn Medikamente und Maßnahmen nicht wie erwartet wirken, die Eltern trotz erfolgter Abklärung weitere Experten aufsuchen, immer neue Symptome hinzukommen oder ein Kollege einen Verdacht äußert, kann ein Münchhausen-Stellvertretersyndrom dahinterstecken. Doch Achtung: Das Kind kann gleichzeitig eine echte somatische Krankheit haben oder gehabt haben, mahnte Dr. Lips.

Besteht ein Verdacht, sollte man die Mutter auf keinen Fall direkt konfrontieren. Wenn möglich, sammelt man zunächst alle früheren medizinischen Berichte. Dann müssen Kollegen und Bezugspersonen ins Boot geholt werden, sofern sie verschwiegen sind. Liegt das Kind im Krankenhaus, muss auch das Klinikteam umfassend über den Fall und das Stellvertretersyndrom aufgeklärt werden. Mutter und Kind sollten niemals unbeaufsichtig bleiben, genauso wie Laborproben, die die Frauen leicht manipulieren können. Verschwinden die Symptome, sobald beide getrennt werden, ist der Verdacht praktisch bestätigt, sagte Dr. Lips.

„Das Vorgehen beim Stellvertretersyndrom gehört zum Schwierigsten, was es im Kinderschutz gibt“, erklärte der Kinderarzt. Deshalb sollte man den Fall unbedingt in die Hände von erfahrenen Experten bzw. einer Kinderschutzgruppe geben. Gemeinsam gilt es zu beurteilen, ob Jugendamt und Strafverfolgungsbehörden involviert werden (s. Kasten).

Laien richtig informieren

Die wenigsten Behörden werden sich mit dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom auskennen, erklärte Dr. Lips. 2011 erschien im Magazin des Schweizer Tagesanzeigers und der Süddeutschen Zeitung ein Artikel von Simone Rau, in dem sie das Störungsbild eindrücklich beschrieb. Mit diesem Text gelingt es meist sehr gut, Behörden sowie medizinische Laien zu informieren und vom Ernst der Sache zu überzeugen, sagte Dr. Lips.

Der Artikel kann hier online abgerufen werden.

Was aber wurde aus Antonia? Die Kollegen entschieden sich dazu, das Jugendamt zu informieren. Dieses verfügte, dass die Eltern nur noch zu einem Kinderarzt gehen dürfen, womit dem für das Syndrom typische Doctor-Hopping Einhalt geboten werden sollte. Kontrolliert haben sie ihre Vorgabe nicht. Seitdem verlief sich die Spur des Mädchens im Sande.

Quelle: Kongressbericht, 54. Ärztekongress der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg