Nach ST-Hebungs-Infarkt alle Stenosen behandeln?

Autor: Dr. Andrea Wülker

In der Gruppe mit kompletter Revaskularisierung gab es 32 % weniger Infarkte. © iStock/Storman

Offenbar brauchen Patienten mit akutem ST-Hebungs-Infarkt mehr als nur die Zielgefäß-Revaskularisierung. Werden relevante Stenosen zeitnah mitbehandelt, treten im Verlauf weniger Infarkte auf.

Patienten mit ST-Hebungs-Infarkt (STEMI) weisen häufig eine koronare Mehrgefäß­erkrankung auf. Ob man die „Nebenschauplätze“ mitrevaskularisieren oder lieber mit einer leitlinienkonformen Medikation behandeln sollte, war bisher unklar. Die COMPLETE-Studie kam nun zu einem eindeutigen Ergebnis:1 Die zeitnahe komplette Revaskularisierung reduzierte gegenüber dem konservativen Vorgehen das Risiko für kardiovaskulären Tod und Herzinfarkt um 26 %.

In der über 4000 Teilnehmer umfassenden Studie wurden STEMI-Patienten binnen 72 Stunden nach Revaskularisierung der infarktauslösenden Stenose randomisiert. Die eine Hälfte erhielt eine erneute perkuntane Intervention der relevanten Engstellen (≥ 70%ige Stenose bzw. FFR* ≤ 0,8), die andere nicht. Der Vorteil, der sich über den im Median dreijährigen Nachbeobachtungszeitraum ergab, war vorwiegend auf die Reduktion der Infarktrate zurückzuführen (Hazard Ratio 0,68).

Empfehlung in den Leitlinien gefordert

Kleinere Studien deuteten bereits einen Vorteil der kompletten Revaskularisierung bei Patienten mit ST-Hebungs-Infarkt an. Deswegen und aufgrund der gut durchgeführten klinischen Studie halten es zwei Kollegen in einem Editorial durchaus für gerechtfertigt, dieses Vorgehen für Betroffene mit Mehrgefäß-KHK in den Leitlinien zu empfehlen.2

* fraktionelle Flussreserve

1. Mehta SR et al. N Engl J Med 2019; 381: 1411-1421; DOI: 10.1056/NEJMoa1907775
2. Køber L, Engstrøm T. A.a.O.: 1472-1474; DOI: 10.1056/NEJMe1910898