Operation ist keine Lösung für metastasierten Brustkrebs

Autor: Birgit-Kristin Pohlmann

Lokale Progresse kamen unter ausschließlich systemischer Therapie häufiger vor. Lokale Progresse kamen unter ausschließlich systemischer Therapie häufiger vor. © blueringmedia – stock.adobe.com

Ist ein Brustkrebs bei Erstdiagnose bereits metastasiert, wird der Primärtumor momentan nicht operiert. Dass das auch so bleiben sollte, deuten aktuelle Daten einer randomisierten Phase-3-Studie an.

Die Frage, ob Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom bei Erstdiagnose einen prognostischen Vorteil haben, wenn der Primärtumor operativ entfernt wird, ist seit Jahren ein Diskussionsthema. Retrospektive Analysen weisen auf einen Überlebensvorteil hin. Prospektive Daten zeigen dagegen widersprüchliche Ergebnisse. Vor dem Hintergrund wurde eine randomisierte Phase-3-Studie gestartet, erklärte Professor Dr. Seema A. Khan, Northwes­tern Medicine, Chicago.

Randomisierung erfolgte verzögert

Für die 2011 initiierte Studie E2108 waren ursprünglich 390 Frauen mit neu diagnostiziertem metastasiertem Mammakarzinom rekrutiert worden. Alle Patientinnen hatten initial eine individuell angepasste systemische Standardtherapie erhalten und wurden erst nach 4–8 Monaten ohne Progression unter der Therapie randomisiert, berichtete Prof. Khan. Dies sei von Bedeutung, da bis zur Randomisierung 134 Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Gründen ausschieden, u.a. wegen zurückgenommener Einwilligung, Nebenwirkungen oder zwischenzeitlicher Progression.

Durch den Drop-out habe sich die Zusammensetzung des Kollektivs verschoben. So waren in der Studie:

  • mehr Patientinnen mit lokal fortgeschrittener Erkrankung,
  • über 60 % mit nur einer Metastasenlokalisation,
  • weniger Frauen mit triplenegativem Mammakarzinom (TNBC) und
  • mehr mit HER2+ Mammakarzinom.

Letztendlich konnten laut der Referentin 256 Patientinnen in die Studie randomisiert werden. Die Systemtherapie wurde nach Randomisierung entweder allein fortgeführt oder es wurde zusätzlich operiert, ggf. mit postoperativer Nachbestrahlung. Primärer Studienendpunkt war die Überlebenszeit.

Lokale Progression ohne Einfluss auf Lebensqualität

Nach einer medianen Nachbeob­achtungszeit von 53 Monaten war kein signifikanter Unterschied zwischen den zwei Gruppen aufgetreten. Die mediane Gesamtüberlebenszeit betrug jeweils 54 Monate (HR 1,09; p = 0,63). Auch beim progressionsfreien Überleben waren die Ergebnisse vergleichbar (p = 0,40). Die kumulative lokale Progressionsrate lag unter reiner Systemtherapie nach median 53 Monaten um den Faktor 2,5 höher (25,6 % vs. 10,2 %; HR 0,37). Dies hatte laut Prof. Khan keine negativen Auswirkungen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die mit dem FACT-B TOI*-Fragebogen ermittelt wurde und für beide Gruppen ähnlich war.

Sonderfall TNBC?

Aufgeteilt nach Mammakarzinom-Subtypen zeigte sich bei den Frauen mit TNBC (n = 20) ein klarer Vorteil zugunsten der reinen Systemtherapie (HR 3,50). Dagegen entwickelten sich bei denjenigen mit HER2+ Mammakarzinom (n = 79; HR 1,05) bzw. jenen mit HR+/HER2- Mammakarzinom (n = 137; HR 0,94) jeweils keine klinisch relevanten Unterschiede beim Gesamtüberleben.

Chirurgie nur im Einzelfall sinnvoll

Laut der Expertin bleibt die reine Systemtherapie auch für Patientinnen mit neu diagnostiziertem metastasiertem Mammakarzinom und intaktem Primärtumor der Standard. Eine zusätzliche Resektion des Primärtumors sollte nicht mit Perspektive auf eine potenziell längere Überlebenszeit angeboten werden. Dies möge im Einzelfall eine Option sein, z.B. bei einer systemisch gut kontrollierten Erkrankung, aber progredientem Primärtumor.

Dem schloss sich auch Professor Dr. Julia R. White, The Ohio State University, Columbus, an. Laut der Diskutantin benötigen bis zu 20 % der systemisch Behandelten mit metastasiertem Brustkrebs aus palliativen Gründen oder wegen eines lokalen Progresses eine OP. Diesen Frauen sollte sie primär vorbehalten bleiben. Zudem sieht Prof. White bei de novo oligometastasierten Patientinnen die Option einer kombinierten Behandlung aus Systemtherapie plus lokalen ablativen Maßnahmen. Ziel sei es, diese Frauen möglichst lange ohne Krankheitsanzeichen zu halten. Der Ansatz werde derzeit in klinischen Studien validiert.

*Functional Assessment of Cancer Therapy-Breast Trial Outcome Index

Quellen:
Khan SA et al. J Clin Oncol 2020; 38 (suppl; abstr LBA2); DOI: 10.1200/JCO.2020.38.18_suppl.LBA2
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