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Herzpatienten Reha im Wohnzimmer

Autor: Dr. Daniela Erhard

Auch in den eigenen vier Wänden lassen sich Herzpatienten mittels Reha stabilisieren. (Agenturfoto) Auch in den eigenen vier Wänden lassen sich Herzpatienten mittels Reha stabilisieren. (Agenturfoto) © iStock/Dmitry Belyaev
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Coronabedingt nehmen noch weniger Patienten eine konventionelle kardiologische Reha in Anspruch als vor der Pandemie. Dafür kommen vermehrt alternative Angebote zum Tragen, von denen Betroffene auch in Zukunft profitieren könnten.

Geringere Morbidität und weniger Klinikaufenthalte, mehr Fitness, Wohlbefinden und Lebensqualität: Der Nutzen einer kardiologischen Reha ist vor allem für Patienten nach akutem Koronarsyndrom bzw. Revaskularisation oder bei Herzinsuffizienz belegt. Trotzdem erhielt bereits vor dem Auftreten von SARS-CoV-2 beispielsweise in Großbritannien nicht einmal jeder zehnte Patient mit Herzinsuffizienz eine Reha, schreiben britische Forscher um Professor Dr. Hasnain Dalal von der University of Exeter. Während der ersten Welle sei der Anteil nochmals gesunken  – auf unter 5 %. Die British Heart Foundation beziffert den Rückgang bei der Inanspruchnahme kardiologischer Angebote insgesamt auf 30–40 % gegenüber dem Jahr 2019.

Mittlerweile, so Prof. Dalal und Kollegen, findet ein Großteil der Weiterbehandlung vollständig oder teilweise zu Hause statt. Doch das müsse kein Nachteil sein. So empfahl das National Institute of Health and Care Excellence (NICE) bereits im Jahr 2018 Programme für zu Hause, um Patienten für Rehaangebote zu gewinnen.

Die Palette der Trainingsmöglichkeiten ist groß: Sie reicht von rein virtuellen Programmen per Web- oder Handy-App über klassische telemedizinische Anwendungen bis hin zu hybriden Konzepten, bei denen sich Patient und Therapeut tatsächlich begegnen. Die Angebote sind schnell verfügbar und stehen potenziell mehr Patienten offen als Plätze im Spezialzentrum. Zudem können sie individuell zugeschnitten werden, bieten mehr Privatsphäre und lassen sich zeitlich flexibel in den Alltag integrieren.

Bislang fehlen allerdings noch evidenzbasierte Standards. Für die heimische Reha sollten den Autoren zufolge dieselben Qualitätskriterien gelten wie für außerhäusige Angebote.

Adhärenz womöglich sogar besser

Dazu zählt neben einer eingehenden medizinischen Beurteilung des Patienten ein individueller Übungsplan sowie die Beratung hinsichtlich körperlicher Aktivitäten, Ernährung und Lebensgewohnheiten. Sofern die Maßnahme neben der Kontrolle von Gewicht, Blutdruck und Blutfetten auch psychosoziale Faktoren berücksichtige und bei der Wiedereingliederung unterstütze, könne sie so effektiv sein wie eine Reha in der Fachklinik und böte sich als gleichwertige Alternative an, fassen die Autoren bisherige Ergebnisse zusammen.

Die Adhärenz scheint bei den neuen Optionen zumindest gleich groß, wenn nicht sogar besser zu sein. Wie eine prospektive US-amerikanische Studie mit über 99.000 Probanden zeigen konnte, war die Bereitschaft, an einem Rehaprogramm in den eigenen vier Wänden teilzunehmen, viermal höher als bei der Überweisung an ein Fachzentrum. Lässt man Patienten die Wahl, bevorzugen 57 % die neuen Formen.

Online-Angebot könnte Ältere überfordern

Ein weiterer Vorteil der Reha im heimischen Umfeld ist, dass Familienmitglieder die Möglichkeit haben, den Rehabilitanden bei den Übungen zu unterstützen. Andererseits kann die gewohnte Umgebung auch dazu verleiten, das Training weniger ernst zu nehmen oder aber zu übertreiben. Die Autoren geben hinsichtlich virtueller Angebote zu bedenken, dass insbesondere ältere Patienten oft nur wenig versiert im Umgang mit moderner Technik sind. Derzeit würden Machbarkeit und Effektivität verschiedener Reha-Modelle genauer untersucht.

Quelle: Dalal HM et al. BMJ 2021; 373: n1270; DOI: 10.1136/bmj.n1270

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