Sekundäre maligne Neoplasien Den Krebs überlebt, aber was kommt danach?

Autor: Kathrin von Kieseritzky

Forschende gehen in zwei aktuellen Veröffentlichungen auf den Verlauf der Fallzahlen vom sekundären Mammakarzinom sowie Meningiom nach Tumoren im Kindes- oder Jugendalter ein. Forschende gehen in zwei aktuellen Veröffentlichungen auf den Verlauf der Fallzahlen vom sekundären Mammakarzinom sowie Meningiom nach Tumoren im Kindes- oder Jugendalter ein. © Pixel-Shot – stock.adobe.com

Sekundäre maligne Neoplasien sind eine häufige Langzeitfolge von Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Die Veränderungen in den onkologischen Therapien beeinflussen dabei die Inzidenzen, wie zwei aktuelle Studien nahelegen. 

Die Überlebenswahrscheinlichkeit von an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen steigt. Damit rücken auch die Langzeitfolgen der Behandlungen immer stärker in den Fokus. Forschende beleuchteten in zwei aktuellen Publikationen den Verlauf der Inzidenzen von sekundärem Mammakarzinom und Meningiom nach Tumoren im Kindes- oder Jugendalter.

Brustkrebs ist demnach bislang die häufigste invasive nachfolgende maligne Erkrankung, wobei die Zahlen laut einer neuen retrospektiven Kohortenstudie in den vergangenen Jahrzehnten zurückgingen.1 Für diese berücksichtigten Kolleg:innen um Prof. Dr. Tara O. Henderson, University of Chicago Comer Children’s Hospital, die Daten von 11.550 Mädchen und Frauen, die zwischen 1970 und 1999 vor dem 21. Lebensjahr eine Krebsdiagnose erhalten und diese mindestens fünf Jahre überlebt hatten. 489 von ihnen erkrankten im Verlauf an 583 Mammakarzinomen. Dabei handelte es sich um 427 invasive Tumoren und 156 duktale Carcinoma in situ (DCIS). Die kumulative Inzidenz betrug im Alter von 45 Jahren 8,1 % (95%-KI 7,4-9,0 %). 

Der Vergleich mit der nach Alter, Geschlecht und Kalenderjahr angepassten Allgemeinbevölkerung ergab für die Überlebenden ein erhöhtes Brustkrebsrisiko (Standardisiertes Inzidenzverhältnis [SIR] 6,6; 95%-KI 6,1-7,2). Jedoch änderte sich das Bild im Verlauf in Abhängigkeit von den angewandten Therapien. So gingen die Raten an Brustbestrahlung – 34 % in den 1970er-Jahren, 22 % zwischen 1980 und 1989 und 17 % in den 1990er-Jahren – und Beckenradiatio – 26 %, 17 % und 13 % – zurück; diejenigen für Anthrazyklinexpositionen im Zuge der Chemotherapie hingegen nahmen zu und betrugen 30 %, 51 % und 64%. Angepasst an das Lebensalter und das Alter zum Zeitpunkt der Diagnose sank die Rate an invasiven Mammakarzinomen alle fünf Jahre um 18 % (Rate Ratio [RR] 0,82; 95%-KI 0,74-0,90). Berücksichtigten die Autor:innen die Brustbestrahlung – ein Risikofaktor, dessen Bedeutung im Verlauf abnahm – schwächte sich dieser Rückgang auf 11 % alle fünf Jahre ab (RR 0,89; 95%-KI 0,81-0,99). Wurde die Analyse indes zusätzlich an die verabreichte Anthrazyklindosis (ein Risikofaktor, dessen Bedeutung stieg) und Beckenbestrahlung (ein protektiver Faktor, dessen Bedeutung zurückging) angepasst, sank die Rate um 14 % (RR 0,86; 95%-KI 0,77-0,96). Beim DCIS änderte sich die Inzidenz nicht statistisch signifikant, obwohl die SIR über die Zeit zunahmen.

Der Rückgang des Risikos für invasiven Brustkrebs nach einer malignen Erkrankung im Kindes- oder Jugendalter, der vor allem bei jungen Frauen vor dem 40. Lebensjahr zu beobachten war, ist laut Studienautor:innen wohl im Wesentlichen auf die zunehmend geringere Strahlenbelastung im Brustbereich zurückzuführen.

Risiko bleibt Jahre nach der Radiatio bestehen

Auch 30 Jahre nach der Strahlenexposition hatten die Betroffenen noch ein erhöhtes Meningiomrisiko (EOR/Gy 3,76; 95%-KI 0,77-29,15). Daneben zeigte sich ein gesteigertes Risiko für Kinder, die Methotrexat erhalten hatten (OR 3,43; 1,56-7,57), doch gab es hier weder eine Dosis-Wirkungsbeziehung noch eine Interaktion mit der Strahlendosis.

Nach einer Schädelbestrahlung von Krebsüberlebenden im Kindes- oder Jugendalter ist die häufigste maligne Erkrankung das Meningiom. Dr. Diana R. Withrow, Universität von Oxford, poolten in einer internationalen Untersuchung Daten aus vier eingebetteten Fall-Kontrollstudien.2 Deren Teilnehmende hatten zwischen 1942 und 2000 im Kindes- oder Jugendalter eine Krebsdiagnose erhalten. Ermittelt wurden 273 Personen, die im weiteren Verlauf ein Meningiom entwickelten, und 738 Patient:innen, die nicht daran erkrankten. Im Median waren die Betroffenen 27,8 Jahre alt, als sie die Meningiomdiagnose erhielten.

Höhere Strahlendosen waren mit einem gesteigerten Meningiomrisiko assoziiert (EOR*/Gy 1,44; 95%-KI 0,62-3,61). Verglichen mit Überlebenden ohne Radiotherapie erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit für ein Meningiom bei denjenigen, die Strahlendosen von 24 Gy oder mehr erhalten hatten, um das 30-Fache (OR 33,66; 14,10-80,31). Die Dosis-Wirkungsbeziehung war bei Personen, die im zehnten Lebensjahr oder danach bestrahlt worden waren, geringer als bei denjenigen, die eine Radiatio vor dem zehnten Lebensjahr erhalten hatten. Offenbar, schlussfolgern die Studienautor:innen, seien die Meningen äußerst strahlensensibel, insbesondere bei Kindern vor dem zehnten Lebensjahr. Dies gelte es im Zuge der Planung einer Radiatio zu berücksichtigen.

* excess odds ratio

Quellen:
1. Henderson TO et al. JAMA Oncol. 2022; DOI:10.1001/jamaoncol.2022.4649
2. Withrow DR et al. JAMA Oncol. 2022; DOI:10.1001/jamaoncol.2022.4425