Statine: Patienten besser über Mechanismen, Verordnung und Nebenwirkungen aufklären

Autor: Dr. Anja Braunwarth

„Täglich etwas einnehmen zu müssen, macht mich zu einem kranken Menschen.“ © Fotolia/Production Perig

Rezept abholen, vielleicht noch einlösen, das war’s dann aber auch mit den Cholesterinsenkern. Der Beziehungsstatus zwischen ihnen und Patienten ist eher schwierig. Kollegen sehen sechs Faktoren, die über die Adhärenz entscheiden.

Statine kommen längst nicht mehr nur in der Sekundärprävention oder bei Hochrisikopatienten zum Einsatz. Zunehmend erhalten auch Menschen mit moderatem kardiovaskulärem Risiko die Fettsenker – in Großbritannien und den USA rund 40 %. Ein Großteil der Betroffenen nimmt die Medikamente aber gar nicht.

Wie das Zeug wirkt? Das reimen sich viele selbst zusammen

Die Adhärenzraten nach zwei Jahren betragen 57 % in der Primär- und 76 % in der Sekundärprävention, schreiben Angela Ju vom Centre for Kidney Research am Children’s Hospital at Westmead, Sydney, und ihre Kollegen. Sie fragten sich, was Patienten über Statine wissen und von der Einnahme halten. Das Forscherteam durchforstete die Literatur und beschrieb auf Basis von 32 Studien mit insgesamt 888 Teilnehmern sechs Gesichtspunkte:

  • Vertrauen in Prävention: Viele der Befragten registrieren sehr wohl, dass sich ihre Cholesterinwerte durch die Fettsenker erholt haben, und sind dankbar für diese effiziente Kontrolle. Dafür nehmen einige sogar Nebenwirkungen in Kauf. Gerade in der Sekundärprävention glauben Betroffene fest an die positiven Effekte. Manche Patienten gaben an, lieber Tabletten zu schlucken, als einen Schlaganfall zu riskieren. Auch ein bisschen Stolz scheint mitzuschwingen, denn so gehen sie aktiv gegen ihre Dyslipid­ämie vor.
  • Einbettung in den Alltag: Die Mehrzahl der Befragten findet, dass sich Statine leicht ins tägliche Leben integrieren lassen. Sie platzieren die Medikamente beispielsweise so, dass sie sie nicht übersehen.
  • Frage nach der Nützlichkeit: Mancher Patient spürt die Effekte der Substanzen weniger, was zu Unsicherheiten in puncto Benefit führt. Zudem fanden die Forscher heraus, dass Betroffene recht wenig über die genaue Wirkweise von Statinen wissen, jedoch eigene Theorien darüber austüfteln.
  • Misstrauen in die Medizin: Mancher scheint besonders Ärzten gegenüber skeptisch eingestellt zu sein. „Der verpasst mir gleich ein Rezept, wenn das Cholesterin mal ein bisschen zu hoch ist“ oder „Ich fühle mich von meinem Arzt unter Druck gesetzt, die Tabletten zu nehmen“, lauten typische Aussagen.
  • Gesundheit in Gefahr: Ob sich ein Patient zum Start einer Therapie entscheidet und dabei bleibt, hängt wohl auch von anderen Prioritäten ab. So neigen etwa Typ-2-Diabetiker dazu, sich erst einmal mehr um ihre Blutzuckermedikation zu kümmern. Andere wiederum nervt die tägliche Einnahme. Ihnen ist die Lebensqualität wichtiger als der LDL-Spiegel. Ältere hingegen glauben eher daran, dass die Statine wichtig sind. Und natürlich behindern auch Nebenwirkungen oder die Furcht vor Langzeitschäden gelegentlich die Adhärenz.
  • Stempel der Krankheit: „Täglich etwas einnehmen zu müssen, macht mich zu einem kranken Menschen“ und „Dafür bin ich noch nicht krank genug“ kennzeichnen das Kapitel Stigmatisierung. Dazu gesellt sich die Angst vor einer Abhängigkeit.

Einen kleinen Crashkurs in Pharmakologie geben

Gemäß den Autoren muss sich noch einiges in der Statinaufklärung tun. Pharmakologische Mechanismen, Gründe für die Verordnung und mögliche Schäden sollten Kollegen genauer erläutern und gemeinsam mit ihren Patienten besprechen. Darüber hinaus raten sie zu Strategien, mit denen sich Nebenwirkungen minimieren oder verhindern lassen und Betroffene die Fettsenker noch besser in ihren Alltag integrieren können.

Quelle: Ju A et al. Br J Gen Pract 2018; 68: e408-e419