Stethoskop bekommt Konkurrenz: Herztöne lassen sich berührungsfrei mit Radar „abhören“

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Kann das herkömmliche Stethoskop bald entsorgt werden? Ein neues Radarsystem erlaubt, Herztöne „aus der Ferne“ zu messen. © iStock.com/porcorex; FAU/Kilin Shi

Deutsche Wissenschaftler haben ein mobiles Radarsystem entwickelt, mit dem Herztöne zuverlässig detektiert werden können, ohne den Patienten zu berühren. Die Diagnostik gelingt somit unabhängig von der Erfahrung des Arztes.

Sechstor-Dauerstrich-System nennt es sich, Forscher vom Lehrstuhl für Technische Elektronik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben es in einem Verbundprojekt entwickelt. Es misst die Vibrationen der Haut, die durch den Herzschlag entstehen. Technisch ähnelt das neue Verfahren einer Geschwindigkeitsmessung der Verkehrspolizei, erklärt Doktorand Christoph­ Will in einer Pressemitteilung.

„Eine Radarwelle wird auf die Oberfläche eines Objektes gerichtet und reflektiert. Bewegt sich das Objekt, ändert sich die Phase der reflektierten Welle. Daraus errechnen wir dann die Stärke und Frequenz der Bewegung, in unserem Fall des Brustkorbs.“ Anders als der Blitzer kann das System schon Änderungen im Bereich weniger Mikrometer erfassen und damit auch kleinste Anomalien wie Insuffizienzen, Stenosen oder Klappendefekte erkennen.

Untersuchungen an Probanden in Ruhe und nach Belastung zeigten, dass das Radarsystem fast so genau misst wie die Standardinstrumente digitales Stethoskop und EKG. In der Analyse des ersten Herztons fand sich eine Übereinstimmung von 92 % mit dem EKG, mit dem digitalen Stethoskop von 83 %.

Die geringen Abweichungen beunruhigen die Wissenschaftler nicht, da Radar und Referenzgeräte nicht an exakt derselben Körperstelle messen. Zudem basiert das Radarsystem auf einer Flächen-, das Stethoskop dagegen auf einer Punktmessung, erklärt Will. Er und seine Kollegen sehen viele Möglichkeiten, wie das System zukünftig eingesetzt werden könnte, z.B. für eine automatisierte Diagnostik der Herzfunktion bereits im Wartezimmer.

Quelle: Pressemitteilung – Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg