Tattoos: Think before you ink

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Welche langfristigen Folgen Tattoofarben auf die Gesundheit haben, weiß bisher keiner so genau. Welche langfristigen Folgen Tattoofarben auf die Gesundheit haben, weiß bisher keiner so genau. © iStock/Perboge

Die Namen der Kinder, ein bunter Blumenteppich oder brennende Totenköpfe – was einmal in die Haut gestochen wurde, verteilt sich bald über die Lymphbahnen. Welche langfristigen Folgen Tattoofarben auf die Gesundheit haben, weiß bisher keiner so genau.

Etwa 23 % der 16- bis 29-Jährigen tragen hierzulande ein Tattoo. Europaweit belaufen sich Schätzungen auf ca. 12 % der Gesamtbevölkerung. Während Kunden oft sehr genau darauf achten, dass die Tätowierer ihres Vertrauens sterile und unbenutzte Nadeln verwenden, macht sich kaum jemand über die Zusammensetzung der Tattoofarben Gedanken.

Diese bestehen entweder aus anorganischen (schwarze Tattoos) oder meist aus organischen Pigmenten (bunte Tattoos). Darüber hinaus weisen sie aber auch eine Vielzahl von weiteren Stoffen auf, darunter Konservierungsstoffe und Verunreinigungen mit Nickel, Chrom, Mangan oder Kobalt. In den bunten Hautbildern finden sich häufig sogenannte Azopigmente, die sich unter dem Einfluss von UV-Licht und Laserstrahlen in potenziell krebsauslösende Substanzen zersetzen.

Allerdings weiß bisher keiner so richtig, welchen Schaden die Farben wirklich anrichten können. Professor Dr. Wolfgang Bäumler von der Abteilung für Dermatologie der Universitätsklinik Regensburg nennt Tätowierungen die „weltweit größte Feldstudie“. Der Laserphysiker, im Haus für die Entfernung der Bildchen zuständig, beschäftigt sich seit Jahren mit der Hautkunst und ihren möglichen Komplikationen. „Bei diesem Geschäft handelt es sich um den weltweit am wenigsten regulierten Markt“, betont der Experte. Klare Regelungen, was in der Tinte drin sein darf, gebe es kaum.

Farben enthalten Bakterien, Nickel und Schwermetalle

Zwar existiert seit 2009 eine Verordnung für die eingesetzten Mittel, die bestimmte Substanzen in den Farben verbietet („Negativliste“), aber das war es auch schon in Sachen Vorgaben. Die European Chemicals Agency versucht, die Farben als Chemikalien zu normieren. Laut Prof. Bäumler kein schlechter Ansatz, nur fehlt es dabei an Hygienevorschriften. Viele Anwender richten sich nach der deutschen Kosmetikverordnung, getreu dem Motto: „Was nicht auf die Haut darf, darf schon gar nicht in sie hinein.“ Allerdings bringen Stichproben immer wieder bedenkliche oder gar verbotene Inhaltsstoffe ans Licht.

So wurden in 10 % noch ungeöffneter Farbflaschen pathogene Bakterien nachgewiesen, die auf Mensch und Umwelt schädlich wirken können. Zudem taucht Nickel häufig in schwarzer Tinte auf, dessen zulässige Höchstwerte über Bundes- und Landesgrenzen hinweg stark schwanken. 10–15 % aller Deutschen reagieren auf das Schwermetall, sollten die Gefahren der Körperkunst also gründlich abwägen. Die genaue Anzahl allergischer Reaktionen kennen Experten nicht. In der internationalen Literatur werden sie nach Infektionen jedoch zu den zweithäufigsten Nebenwirkungen gezählt. Plaques, Indurationen bzw. Hyperkeratosen und Ulzerationen führen die Liste an.

Über die zugrunde liegenden Mechanismen weiß man wenig. Warum beispielsweise lösen gerade rote Farben vermehrt Allergien aus und schwarze eine Sarkoidose? Ebenso kann kaum etwas über die Langzeitfolgen gesagt werden. „Uns fehlen einfach echte epidemio­logische Studien oder repräsentative Marktanalysen“, kritisiert Prof. Bäumler. Dazu bedarf es auch Unterstützung seitens der Behörden, die sich mit der Thematik jedoch nur halbherzig befassen. „Schließlich handelt es sich bei Tätowierungen ja um einen ganz freiwilligen Akt, also selbst schuld, wenn was passiert.“

Fest steht dagegen, dass die Pigmente im Körper wandern. Phagozytierende Zellen nehmen die wasserunlöslichen Stoffe auf und transportieren sie ab, was das Abblassen von Tattoos kurz nach dem Stechen erklärt. Wie Chirurgen schon vor langer Zeit beobachteten, sammeln sich die Teilchen in nahegelegenen Lymphknoten, die sich anschließend verfärben. In Tiermodellen fanden sie sich auch in Milz, Lunge und den Kupfferzellen der Leber.

Schwarz in der Röhre

Immer wieder äußern tätowierte Patienten Sorgen um bevorstehende MRT-Untersuchungen. In Berichten lesen sie von Hitzeentwicklung oder einem Brennen der bemalten Haut­areale. Diese können zwar vorkommen, jedoch nur sehr selten. Zudem handelt es sich dabei meist um milde, schnell vorübergehende Beschwerden. Oft hilft schon einfaches Kühlen der betroffenen Stelle, um die Sym­ptome rasch abzuschwächen.

Die Nebenwirkungen entstehen durch ferro-magnetische Eigenschaften der in den Tattoofarben enthaltenen Eisenoxidpigmente. Sie kommen vor allem bei schleifenartig angeordneten Motiven vor, die einen Stromfluss erlauben. Weitaus häufiger muss mit Artefakten auf den MRT-Bildern gerechnet werden, die man nicht mit echten Pathologien verwechseln darf.

Schreiver I, Luch A. internistische praxis 2018; 58: 726-735

Nanopartikel wandern besonders gut

Das Team um Ines Schreiver vom Bundesinstitut für Risikobewertung Berlin hat kürzlich die Partikel in Haut- und Lymphknotenproben von Verstorbenen genauer untersucht. Mithilfe von Röntgenstrahlen eines Teilchenbeschleunigers fanden die Kollegen neben Mikro- auch Nanopartikel < 100 nm, von denen man noch nicht wisse, was sie im Körper anstellen. Das als Weißpigment verwendete Ti­tandioxid etwa – nach „Carbon Black“ (Ruß) der zweithäufigste Inhaltsstoff in Tattoofarben – steht im Verdacht, im Zusammenspiel mit Sonnenstrahlung Hautreizungen zu fördern. „Je kleiner die Teilchen, umso leichter können sie natürlich migrieren“, erklärt die Ingenieurin. Klinische Korrelationen lassen sich aus den Untersuchungen allerdings keine ziehen, da die Forscher den Krankheitsstatus der Verstorbenen nicht kannten.

Seit 2013 organisiert Prof. Bäumler gemeinsam mit einem dänischen Mediziner alle zwei Jahre einen europäischen Kongress. Zu den Zielen gehören u.a., die Forschung zu verbessern, unabhängige Expertentipps zu sammeln und für mehr Sicherheit zu sorgen. Vergangenes Jahr trafen sich etwa 200 Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik und Anwendung. Gerade auf dem wissenschaftlichen Sektor sieht der Laserphysiker dabei wachsendes Interesse.