Tauchsport: Alle Beschwerden in den ersten Stunden an Land als tauchbedingt werten

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Auch 24 Stunden nach einem Tauchgang können noch Symptome eines Dekompressionsunfalls auftreten. Auch 24 Stunden nach einem Tauchgang können noch Symptome eines Dekompressionsunfalls auftreten. © Jukka – stock.adobe.com

Wenn ein Taucher zu schnell wieder an die Ober­fläche kommt, droht ein Dekompressionstrauma. Das ist aber nicht das einzige Krankheitsbild, mit dem Sie bei Unterwassersportlern rechnen müssen. Nach der Erstversorgung gilt es, zügig einen spezialisierten Kollegen zu konsultieren.

Ein Dekompressionsunfall ist immer ein medizinischer Notfall. Nun sind Sie nicht unbedingt ausgewiesener Tauchmediziner. Ausgefeilte differenzialdiagnostische Überlegungen dürfen Sie sich folglich sparen, wenn ein Taucher am Seeufer oder an der Mittelmeerküste über Beschwerden klagt. Sie müssen lediglich einen Merksatz berücksichtigen, erklären Diplom-Mediziner Gaël Bryois von der Abteilung für Innere Medizin des Centre hospitalier universitaire vaudois Lausanne und Kollegen: Alle körperlichen oder psychischen Veränderungen in den ersten Stunden nach einem Tauchgang sind als tauchbedingt zu bewerten – und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist!

Entsprechende Probleme beschränken sich keineswegs auf übermütige oder untrainierte Hobbytaucher, sondern können genauso Profis betreffen. So schildern die Schweizer Kollegen den Fall eines taucherfahrenen, fitten 24-Jährigen, der in einem See zwei Tauchgänge absolviert hatte. Zuerst hatte er 60 Minuten in einer maximalen Tiefe von 47 m verbracht, dann 50 Minuten in einer maximalen Tiefe von 37 m. Noch während des Auftauchens bemerkte er Schmerzen zwischen den Schulterblättern „wie Messerstiche“, dazu kamen später arm­betonte Par­ästhesien, Schwierigkeiten beim Wasserlassen und ganz allgemeine diffuse Schmerzen.

Symptome können 24 Stunden auf sich warten lassen

Es bestand das klassische schwere Dekompressionstrauma, bei dem neurologische Störungen vorherrschen, schreiben die Experten. Auch die beschriebenen Schulterschmerzen lassen sich als Dekompressions­myelo­pathie einordnen. Allgemein können zusätzlich variable Symptome auftreten, was die Diagnose erschwert. Dazu gehören z.B. starke Müdigkeit, aber auch Gelenkschmerzen und Lungenbeschwerden. Oftmals klagt der Betroffene gleich nach dem Tauchgang über Probleme, sie können aber auch bis zu 24 Stunden auf sich warten lassen.

Zur Behandlung erhalten die Patienten reinen Sauerstoff per Maske mit hohem Gasfluss (optimalerweise 15 l/min). Die Infusion von kristalloiden Lösungen – nicht von Glukose! – verbessert die Fließeigenschaften des Blutes und damit die Gewebeperfusion. Außerdem packt man den Patienten warm ein.

Erstickt am Stickstoff

Beim Abtauchen sättigt sich unter dem mit der Tiefe zunehmenden Umgebungsdruck das Gewebe mit Stickstoff. Während des Wiederauftauchens gelangt der Stickstoff über die Venen in die Lunge und wird dort abgeatmet. Dazu braucht es aber seine Zeit: Beim zu schnellen Auftauchen – entsprechend einem zu schnellen Abfall des Umgebungsdrucks – bekommt die Lunge das nicht mehr in den Griff. Es entstehen Stickstoffbläschen, die das Gewebe entweder direkt oder über den thrombotischen Verschluss ableitender Venen schädigen oder bei Rechts-Links-Shunt arterielle Gasembolien hervorrufen können.

Der Verlauf ist anfangs nicht vorhersehbar

Zusatzmaßnahmen wie die Gabe von Kortikosteroiden oder ASS sind umstritten und auf keinen Fall vor Ort bei der Erstversorgung indiziert. Stattdessen sollten Sie zügig ein Zentrum für Tauchmedizin konsultieren, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Eventuell muss der Betroffene in eine Klinik mit Druckkammer für eine hyperbare Sauerstofftherapie. Cave: Der Verlauf beim Dekompressionsunfall lässt sich am Anfang nicht vorhersehen.

Das Dekompressionstrauma ist nicht die einzige Störung im Kontext Tauchsport. Drei weitere Krankheitsbilder führen die Autoren auf. Wenn Gasbläschen beim Auftauchen in den Alveolen eingeschlossen wer­den – etwa wenn der Taucher die Luft anhält –, entsteht durch einen alveolären Überdruck das pulmonale Barotrauma. Die Alveolen überdehnen sich zunächst, im Extremfall rupturieren sie. Die Symptome beschränken sich meist auf den Thorax, beispielsweise kann es zu Brustschmerzen, Husten, Atemnot oder Hämoptysen kommen.

Taucher-Lungenödem auch bei Schwimmern möglich

Eine Stickstoffnarkose gehört ebenfalls zu den tauchbedingten Störungen. Die Beschwerden hängen von der Tauchtiefe ab und betreffen vor allem Verhalten und kognitive Leistungen. Betroffene können einerseits euphorisch oder stark ängstlich erscheinen. In schweren Fällen mündet das Ganze in einem Koma.

Für ein Taucher-Lungenödem schließlich müssen Patienten nicht zwangsläufig tauchen, auch Schwimmer können es entwickeln. Es tritt häufig bei Anstrengung im kalten Wasser auf, wenn die Lungen­kapillaren überlastet werden. Die Symptome ähneln denen eines „normalen“ Lungenödems: Atemnot, schaumiger Auswurf, teilweise Hämoptysen. Durch die Gabe von Sauerstoff klingen die Beschwerden rasch ab.

Quelle: Bryois G et al. Swiss Med Forum 2020; 20: 292-295; DOI: 10.4414/smf.2020.08379