Anzeige

Ernährungsapps Unübersichtliches Angebot und fehlende Standards

Autor: Dr. Moyo Grebbin

Vor allem jüngere Patienten setzen auf Ernährungsapps. Vor allem jüngere Patienten setzen auf Ernährungsapps. © kebox – stock.adobe.com
Anzeige

Die Ernährung mit dem Smartphone zu dokumentieren, kann nachweislich beim Abnehmen helfen. Doch oft ist nicht klar, wer hinter den Anwendungen steckt und ob kommerzielle Interessen verfolgt werden.

Gerade von jüngeren Patienten komme regelmäßig die Frage nach Tipps für hilfreiche Ernährungsapps, berichtete Diabetesberaterin Dr. ­Astrid ­Tombek vom Diabetes Zentrum Mergentheim. Ob bzw. inwiefern die Anwendungen Diabetespatienten tatsächlich helfen können, ihre Gesundheit zu verbessern oder ihnen den Alltag zu erleichtern, sei aber schwer allgemein zu beantworten, da die Studienergebnisse auf dem Themengebiet nicht einheitlich sind.

Als Beispiel für positive Forschungsberichte nannte die Oecotrophologin und Diabetesberaterin DDG u.a. eine halbjährige Intervention der Universitäten von Vermont und South Carolina. Eine Ernährungs-Tracking-App half den Teilnehmenden dieser Untersuchung nachweislich, ihr Gewicht zu reduzieren. Auch eine 41 Einzelarbeiten umfassende Metaanalyse sei zu dem Schluss gekommen, dass App-Interventionen dabei helfen können, ernährungsbezogene Gesundheitsparameter zu verbessern – „dabei gab es keinen Unterschied zwischen kranken und gesunden Usern der App“, erklärte Dr. Tombek.

Wer nutzt was und warum?

Um Apps als Hilfe bei der Ernährung einsetzen zu können, braucht man zuerst einmal ein Smartphone. Das trifft auf sieben von zehn Personen in Deutschland zu, so Dr. Tombek. Die Hälfte dieser Menschen verwendet Gesundheitsapps. Unter den am häufigsten genannten Gründen dafür dominierte der Sport-Aspekt. Das Ziel einer gesünderen Ernährung verfolgten einer repräsentativen Online-Befragung von 1.000 Internet-Nutzern zufolge 26 % der Anwender. Unter Menschen mit Diabetes ist der Anteil derer, die auf Gesundheitsapps zurückgreifen, mit 11 % allerdings relativ gering. Die meisten von ihnen verwenden Tagebuchfunktionen, so die Referentin. Ein anderes Bild ergibt sich für Jugendliche mit Typ-1-Dia­betes: Mehr als 60 % der jungen Patienten informieren sich im Internet über ihre Krankheit und verlassen sich bei mittelschweren Unterzuckerungen auf Diabetesapps.

Mehr als 48 Millionen Gesundheitsapps

Grundsätzlich können die Smartphone-Anwendungen also helfen, so die Referentin. Manchmal seien die messbaren Effekte allerdings gering, und hinter den meisten Applikationen stehe ein kommerzielles Interesse. Hinweise darauf fehlten oft, warnte sie. Ein Problem sei auch, dass jeder ungeachtet seiner Qualifikation Gesundheitsapps auf den Markt bringen könne – mittlerweile existieren mehr als 48 Millionen davon – und dass Standards dafür fehlen. Zwar gebe es einige Informations- und Bewertungsinitiativen wie die Internetplattform HealthOn der Initiative Präventionspartner, auch das Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH habe Qualitätskriterien zusammengestellt. Trotzdem berichtet Dr. Tombek über ihren Selbstversuch, sich für eine der vielen Ernährungsapps zu entscheiden: „Ich bin fast wahnsinnig geworden.“ „Vor vielen Jahren startete es auch mit dem Siegel DiaDigital in eine gute Richtung – leider ist nicht viel daraus geworden“, bedauerte die Referentin. Es seien nur wenige Apps, die dieses Siegel haben, darunter gab es in der Vergangenheit zwei Ernährungsapps (Nutricheck und Broteinheiten/BE Rechner Pro). „Die Zertifizierungen sind aber inzwischen beide ausgelaufen.“ 

Woran erkennt man eine gute Gesundheitsapp?

Folgende Qualitätskriterien sollte die Applikation Dr. Tombek zufolge erfüllen:
  • Es muss klar erkennbar sein, welchem Zweck die App dient und ob es sich um ein Medizinprodukt handelt.
  • Die Informationen müssen korrekt und auf dem neuesten Stand sein.
  • Der Autor und seine Qualifika­tion sind genannt.
  • Die Datenschutzrichtlinien werden aufgeführt.
  • Auf Werbung wird hingewiesen und Finanzierungsquellen werden vollständig genannt.
  • Es gibt einen Ansprechpartner bzw. ein Kontaktformular für Gesundheitsfragen.
  • Ein Impressum ist vorhanden und leicht zu finden.

Anwendung am besten therapeutisch begleiten

Es ist nicht leicht, eine geeignete Ernährungsapplikation zu finden, fasste Dr. Tombek zusammen. Man könne bei den Inhalten keine wissenschaftliche Genauigkeit erwarten, trotz aller Apps brauche es nach wie vor etwas an Wissen. „Fotoapplikationen funktionieren ganz gut, aber auf die Unschärfe kommt es letztendlich auch nicht unbedingt an. Es hilft vor allem beim aufmerksamen Beobachten.“ Am besten sollte die Anwendung therapeutisch begleitet werden, dann könnten Ernährungsapps Patienten durchaus im Alltag unterstützen.

Kongressbericht: Diabetes Kongress 2021

Anzeige