Verhaltenstherapie motiviert Patienten langfristig zu mehr Bewegung

Autor: Dr. Judith Lorenz

Nicht gleich auf Vollgas: Der Einbau leichter Aktivitäten gelingt besser und hält nachhaltig motiviert. © iStock/adamkaz

Bewegungsfaule Typ-2-Diabetespatienten bleiben langfristig körperlich aktiver, wenn sie an einem verhaltenstherapeutisch orientierten Motivationsprogramm teilgenommen haben. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle, einfach verblindete randomisierte klinische Studie.

Angesichts der positiven Effekte eines aktiven Lebensstils auf die Stoffwechselfunktionen sollten Typ-2-Diabetespatienten möglichst wenig Zeit im Sitzen verbringen. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die meisten Patienten bewegen sich deutlich weniger als empfohlen. Führen Maßnahmen, die der Bewegungsarmut entgegenwirken, zu lang anhaltenden Verhaltensänderungen? Dieser Frage ist Dr. Stefano Balducci von der Universität Rom gemeinsam mit seinem Team im Rahmen der „Italian Diabetes and Exercise Study 2“ (IDES_2) nachgegangen.

Einschlusskriterium: mindestens acht Stunden sitzen pro Tag

An der zwischen 2012 und 2017 an drei Diabeteszentren in Rom durchgeführten Untersuchung nahmen 300 Typ-2-Diabetespatienten im Alter zwischen 40 und 80 Jahren teil. Alle waren körperlich inaktiv und verbrachten mindestens acht Stunden pro Tag in sitzender Haltung. Gemäß Randomisierung nahm die Hälfte der Patienten an einem verhaltenstherapeutisch orientierten Schulungsprogramm teil. Dieses umfasste pro Jahr eine Beratung durch einen Diabetologen sowie acht theoretische und praktische Einheiten unter der Leitung eines Bewegungstrainers.

Ziel der Intervention war es, möglichst viel der im Sitzen verbrachten Zeit durch leichte körperliche Aktivitäten zu ersetzen und zunehmend Phasen mit mäßiger bis stärker intensiver Belastung in den Tagesablauf zu integrieren.

Die Patienten der Kontrollgruppe erhielten eine Standardbetreuung mit allgemeinen ärztlichen Empfehlungen zur Steigerung der körperlichen Aktivität. Inwiefern sich das Bewegungspensum der Probanden im Verlauf des median dreijährigen Nachbeobachtungszeitraums veränderte, objektivierten die Forscher mithilfe eines regelmäßig von den Patienten getragenen Akzelerometers. 133 Patienten der Interventions- und 134 der Kontrollgruppe schlossen die Studienteilnahme erfolgreich ab.

Die verhaltenstherapeutisch betreuten Patienten waren während des Nachbeobachtungszeitraums im Vergleich zu den Kontrollen signifikant aktiver:

  • Sie wiesen pro Woche ein um 3,3 MET-Stunden (metabolic equivalent of task, Metabolisches Äquivalent) größeres körperliches Aktivitätsvolumen auf,
  • verbrachten 0,8 Stunden/Tag mehr in leichter und
  • 6,4 Minuten/Tag mehr in mäßiger bis starker körperlicher Aktivität und
  • übten 0,8 Stunden/Tag weniger sitzende Tätigkeiten aus.

Mit Ausnahme des Unterschieds der Zeit pro Tag in mäßiger bis starker körperlicher Aktivität, der während des Studienzeitraums abnahm, behielten alle Unterschiede zwischen den beiden Gruppen ihre statistische Signifikanz. Auch bezüglich der kardiorespiratorischen Fitness sowie der Muskelkraft und -flexibilität erwies sich die Verhaltensintervention als überlegen. Gleiches galt für den Nüchternblutzucker, den systolischen Blutdruck sowie das KHK- und Schlaganfallrisiko.

Menschen mit Typ-2-Diabetes, so das Fazit der Wissenschaftler, profitieren hinsichtlich der langfristigen körperlichen Aktivität von einer verhaltensbasierten Intervention. Die Umwandlung von im Sitzen verbrachter Zeit in leichte Aktivitäten gelang dabei besser als der Einbau mäßig bis hoch intensiver Belastungseinheiten. Weitere Untersuchungen müssen prüfen, inwiefern sich diese Ergebnisse verallgemeinern lassen.

Quelle: Balducci S et al. JAMA 2019; 321: 880-890; DOI: 10.1001/jama.2019.0922