Vernebeltes Gehirn durch Probiotika?

Autor: Maria Weiß

Die Langzeiteinnahme von probiotika führt möglicherweise zu einer Laktatazidose mit neurologischen Symptomen wie einem Nebelgefühl im Kopf. © iStock.com/the-lightwriter

Klagen Ihre Patienten über „Nebel im Kopf“ und vermehrte Blähungen, sollten Sie sie nach der Einnahme von Probiotika fragen. Eventuell liegt hier die Ursache des Übels.

Ein durch vermehrte Gasbildung aufgeblähter Bauch mit Schmerzen gehört zu den häufigsten gastrointestinalen Beschwerden. Gesellt sich ab und an ein „nebliges Gefühl“ im Kopf dazu mit mentaler Verwirrung, eingeschränkter Urteilsfähigkeit, schlechtem Kurzzeitgedächtnis und Konzentrationsstörungen, könnte man am ehesten an ein Kurzdarmsyndrom denken. Bei diesen Patienten sind die neurologischen Symptome durch eine metabolische Azidose bei erhöhten D-Laktat-Serumwerten bedingt.

Was aber, wenn der Darm intakt ist? Vor Kurzem wurde gezeigt, dass Probiotika nicht nur bei Kurzdarmsyndrom an der D-Milchsäureproduktion beteiligt sind, sondern auch bei Säuglingen, die probiotikahaltige Nahrung erhalten. Professor Dr. Satish S. C. Rao und seine Arbeitsgruppe aus Augusta in den USA gingen daher der Frage nach, ob Probiotika möglicherweise die „Hirnverneblung“ auslösen.

Dazu untersuchten sie 38 Patienten mit vermehrten Blähungen, Gasbildung und abdominellen Schmerzen, von denen 30 zusätzlich an kognitiven Einbußen litten. Die ZNS-Symptome dauerten 30 Minuten bis mehrere Stunden an und traten häufig postprandial auf. Vier Patienten hatten deswegen ihren Job aufgeben müssen.

Schon auf den ersten Blick fiel auf, dass alle Patienten mit zusätzlichen ZNS-Symptomen regelmäßig über drei Monate bis drei Jahre Probiotika eingenommen hatten. Außerdem litten die „vernebelten“ Patienten häufiger an einer Dünndarm-Fehlbesiedelung (68 % vs. 28 %) und wiesen häufiger eine Laktatazidose auf (77 % vs. 25 %) als die Kontrollen.

Antibiotikatherapie und Probiotikaverzicht

Die gastrointestinale Transitzeit war in beiden Gruppen gleichermaßen verlangsamt (33 % vs. 25 %) – alle anderen metabolischen Tests waren in beiden Gruppen unauffällig. Die Patienten mit neurologischen Symptomen erhielten bei Nachweis einer Dünndarmfehlbesiedelung und/oder Laktatazidose eine Therapie mit Antibiotika. Zudem wurden alle Patienten aufgefordert, in Zukunft die Finger von Probiotika als Nahrungsergänzung oder Joghurt zu lassen.

Der Erfolg gab den Wissenschaftlern recht: Nach dem Verzicht auf Probiotika (mit oder ohne antibiotische Behandlung) war bei 85 % der „Nebelspuk“ im Gehirn komplett vorbei und auch die gastrointestinalen Symptome besserten sich deutlich.

Quelle: Rao SSC et al. Clin Transl Gastroenterol 2018; 9: 162