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Tumore im Kindes- und Jugendalter Vom Krebs geheilt heißt längst nicht gesund

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Ein lebenslanges Screening auf psychische Erkrankungen gehört ebenso zur Nachsorge wie der Blick auf die körperlichen Langzeitfolgen einer Krebstherapie bei Kindern und Jugendlichen. (Agenturfoto) Ein lebenslanges Screening auf psychische Erkrankungen gehört ebenso zur Nachsorge wie der Blick auf die körperlichen Langzeitfolgen einer Krebstherapie bei Kindern und Jugendlichen. (Agenturfoto) © iStock/FatCamera
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Dank des medizinischen Fortschritts erreichen heute Kinder und Jugendliche, die an einem Tumor erkrankt waren, häufig das Erwachsenenalter. Zwar geht mit den Jahren das Risiko für ein Rezidiv zurück – die Gefahr unerwünschter Langzeitfolgen für Körper und Seele hingegen steigt mit dem Lebensalter.

Viele Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, die früher fatal waren, sind heute – zumindest in den wohlhabenden Ländern – gut behandelbar. So hat in den USA der Anteil der Kinder mit Tumorerkrankungen, die nach der Diagnose fünf oder mehr Jahre überleben, von knapp 78 % in den Neunzigern auf gut 85 % in der Zeit nach 2010 zugenommen. Die Zahlen für Europa, Kanada oder Australien sehen ganz ähnlich aus.

Wer als Junge oder Mädchen eine Krebserkrankung übersteht, hat für gewöhnlich noch 60 oder mehr Jahre an Lebenszeit vor sich. Während das Risiko für Rezidive in dieser Zeit stetig abnimmt, steigt die Gefahr für andere, behandlungsbedingte Erkrankungen an. Insbesondere Organsysteme, die sich zum Zeitpunkt der Tumortherapie in Entwicklung befinden, können durch die Behandlung irreversibel Schaden nehmen. Trotz der hohen Heilungsraten, die sich bei Neoplasien im Kindes- und Jugendalter heutzutage erzielen lassen, sind die Langzeitfolgen der Behandlung daher mitunter ganz erheblich, schreibt ein Autorenteam um Dr. ­Emily ­Tonorezos vom National Cancer Institute in Rockville. Bei Menschen, die als Kinder einen Tumor überlebt haben, sind Morbidität und Mortalität generell höher als bei Personen, die als Erwachsene an Krebs erkrankt waren, so die Onkologen.

Was die körperlichen Auswirkungen betrifft, spielen Zweit­neoplasien eine große Rolle, ebenso kardiovaskuläre Erkrankungen, insbesondere Kardiomyopathien. Regelmäßig finden sich bei den Betroffenen auch vermehrt Erkrankungen der Atemwege, Defekte des Hormonsystems, eine eingeschränkte Fruchtbarkeit sowie neurokognitive Auffälligkeiten. Viele Krebsüberlebende sind gleich von mehreren dieser Effekte betroffen.

Durch gezieltere Strategien bei der Radiatio hat sich die Langzeitmorbidität in den vergangenen Jahrzehnten merklich senken lassen, berichten Dr. ­Tonorezos und Kollegen. Doch nach wie vor gilt: Je länger die Therapie dauert und je höher die Strahlendosis ist, die die jungen Patienten und Patientinnen erhalten, desto schwerer fallen in den kommenden Lebensjahrzehnten auch die unerwünschten Effekte aus. Die Schäden betreffen meist die Körperregion, in der bestrahlt wurde. So finden sich etwa nach Radiatio in der Halsregion vermehrt Hypothyreosen.

Erhöhtes Brustkrebsrisiko nach Thoraxbestrahlung

Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen verstärkt auftretende Brust­tumoren und Kardiomyopathien, heben die Autoren hervor. So besteht bei Frauen, deren Krebserkrankung eine Bestrahlung des Thorax erforderlich macht, eine 30%ige Wahrscheinlichkeit, dass sie bis zum 50. Geburtstag an Brustkrebs erkranken. Das entspricht in etwa dem Risiko, wie es auch Trägerinnen einer BRCA1-Mutation haben, betonen die Experten. Patientinnen, die als Kind oder Jugendliche eine Radiatio von 10 Gy oder mehr erhalten haben, sollten daher spätestens ab dem Alter von 25 Jahren jährlich mittels Mammographie und Brust-MRT gescreent werden.

Das Risiko für Kardiomyopathien ist nach Einsatz von Anthrazyklinen oder nach Thoraxbestrahlung dosis­abhängig erhöht. Jedes achte Kind, das sich einer derartigen Therapie unterzieht, wird innerhalb von 30 Jahren ein lebensbedrohliches kardiovaskuläres Ereignis erleiden.

Kardiomyopathien per Screening auf der Spur

Nach internationalem Konsens lässt sich dieser Gefahr mit einem konsequenten Screening begegnen: Dieses umfasst die üblichen kardio­vaskulären Risikofaktoren und echokardiographische Kontrolluntersuchungen im Abstand von zwei bis fünf Jahren.

Eine Krebsdiagnose im Kindes- oder Jugendalter fällt in ein Stadium umfassender psychischer, kognitiver und sozialer Entwicklung. Viele der Jungen und Mädchen kommen mit dieser Herausforderung recht gut zurecht, berichten Dr. ­Tonorezos und Mitautoren. Doch v.a. Vorschul- und Schulkinder können gegenüber Gleichaltrigen durchaus in Rückstand geraten. Später, in der Adoleszenz, kann die Ausbildung sowohl fortgeschrittener kognitiver Fähigkeiten als auch der persönlichen und sexuellen Identität beeinträchtigt sein. Auch fällt es Betroffenen häufig schwerer, Unabhängigkeit zu erlangen.

Bis zu 25 % der jungen Menschen, die an Krebs erkranken, zeigen eine generelle Stresssymptomatik. Bis zu 40 % entwickeln eine Depression, nahezu 30 % Angstsymptome, etwa 70 % eine posttraumatische Belastungsstörung. Ein lebenslanges Screening auf psychische Erkrankungen gehört nach Ansicht der Autoren daher ebenso zur Nachsorge wie der Blick auf die körperlichen Langzeitfolgen einer Krebstherapie bei Kindern und Jugendlichen.

Quelle: Tonorezos ES et al. Lancet 2022; 399: 1561-1572; DOI: 10.1016/S0140-6736(22)00460-3

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