Wann sind Algorithmen die besseren Ärzte?

diatec journal Autor: Gabriele Faber-Heinemann

Rechnen kann Künstliche Intelligenz deutlich schneller als Menschen. Doch selbstständiges Denken und Fühlen sind nicht möglich. Rechnen kann Künstliche Intelligenz deutlich schneller als Menschen. Doch selbstständiges Denken und Fühlen sind nicht möglich. © iStock/imaginima

Es ist schon fast eine Institution: ein Blick über den medizinischen Tellerrand im „Besonderen Vortrag” auf der DiaTec. In diesem Jahr widmete sich der Philosoph Prof. Dr. Michael Bordt den Möglichkeiten und Grenzen der Künstlichen Intelligenz in der Medizin.

Auf der DiaTec finden auch Themen Platz, die nicht unmittelbar mit Diabetestechnologie zu tun haben. In diesem Jahr versuchte der Philosoph und Jesuit Professor Dr. Michael Bordt, Institut für Philosophie und Leadership an der Hochschule für Philosophie, München, Antworten auf eine wichtige Frage zu finden: Wer wird in Zukunft der besser Arzt sein – ein Mensch oder ein Algorithmus?

Doch wie definieren wir Künstliche Intelligenz (KI) und wozu ist sie tatsächlich in der Lage? Eine ältere Definition aus den 1950er-Jahren schlägt vor, anstelle von Künstlicher Intelligenz besser von Künftiger Informatik oder auch „Machine Learning“ zu sprechen. Spätere Erkenntnisse sprechen davon, dass KI immer nur schwache KI sein wird. Eine starke KI kann es prinzipiell nicht geben, denn Computerprogramme sind formale Systeme, die entweder festgelegten Regeln folgen oder Muster erkennen. Beides erfolgt algorithmisch, also gemäß einer Lösungsvorschrift in endlichen Schritten.

Überlegenheit ist eine Frage der Kriterien

Diese Algorithmen entsprechen der Syntax einer Sprache. Denken und die Bedeutung von Wörtern zu verstehen, geht weit über die Syntax hinaus, denn zusätzlich zur Syntax braucht es eine Semantik – wir müssen also die Bedeutung der Sprache verstehen.

Künstlich, aber nicht intelligent

Computerprogramme können nicht wirklich denken oder die Bedeutung von Wörtern verstehen – und deshalb wird auch aus einer noch so komplexen Syntax niemals eine Semantik.

Wenn Intelligenz voraussetzt, denken und verstehen zu können, dann können Computer nicht intelligent sein. Künstliche „Intelligenz” kann es also in diesem Sinne prinzipiell nicht geben. Prof. Bordt erläuterte dazu das Beispiel vom chinesischen Zimmer: Darin sitzt ein Mann, der kein Wort Chinesisch lesen oder sprechen kann, aber von chinesischen Schriftzeichen umgeben ist, die er zuordnen muss. Ohne nun den Sinn der Schriftzeichen zu verstehen ist er – mit ausreichend Zeit und Geduld – doch in der Lage, zu jedem Schriftzeichen das passende herauszusuchen und zuzuordnen.

Genauso arbeitet auch ein Computer: Er nimmt ein Zeichen und sucht dann so lange, bis er das Passende gefunden hat. Ein Computer kann das aber mit extremer Geschwindigkeit, deshalb ist er auch in der Lage, ein Schachspiel zu gewinnen – es ist am Ende eine reine Rechenleistung und nicht die Einsicht in die Taktik des Gegners. Es werden einfach nur sämtliche möglichen Züge im Voraus berechnet.

Doch wer ist nun besser, Arzt oder Algorithmus? Das kommt darauf an: In der Diagnostik ist KI (die künstlich, aber nicht intelligent ist) dem Menschen überlegen: Die KI von Google Health diagnostizierte beim Brustkrebsscreening bei fast 30 000 Frauen in den USA und Großbritannien deutlich weniger falsch-positive Befunde als Fachärzte (die Fehlerwahrscheinlichkeit lag 11,5 Prozentpunkte niedriger).

Bei der Therapie sieht es schon nicht mehr so beeindruckend aus: Watson, der Supercomputer von IBM, gibt unsichere und falsche Therapieempfehlungen bei Krebs.

Maschineller Therapie fehlt die Empathie

Doch was ist ein guter Arzt? Prof. Bordt zitierte aus dem Buch „AI Superpowers“ von Dr. Kai Fu Lee: „Patienten möchten nicht von einer Maschine behandelt werden, die wie eine Black Box gefüllt ist mit medizinischem Wissen und sich dann so ausdrückt: ‚Sie haben ein Lymphom im vierten Stadium und eine Sterbewahrscheinlichkeit von 70 Prozent innerhalb von fünf Jahren‘. Stattdessen wünschen sich Patienten Menschlichkeit und Empathie, gepaart mit medizinischem Wissen und Erfahrung.“

Authentizität und die Fähigkeit zu Selbstwahrnehmung sind für den Experten die Voraussetzung dazu, Empathie empfinden zu können. Es geht dabei nicht um Mitleid, sondern um Mitgefühl, denn während Mitleid zur Handlungsunfähigkeit führt, ist Mitgefühl die Fähigkeit, den anderen zu verstehen und zu begleiten.

Wer sich selbst wahrnimmt, kann auch professionell auf die Patienten und Patientinnen eingehen. Je deutlicher man sich selbst wahrnimmt, desto sensibler spürt man andere Menschen. Übrigens: Wer sich selbst wahrnimmt, schützt sich damit auch vor Stress und Burnout. Denn wer für Stress anfällig ist, spürt sich selbst nicht mehr.

Prof. Bordt sieht die Medizin in einer Krise, denn trotz außergewöhnlicher Fortschritte in Kunst, Wissenschaft und Medizin werden Patienten zu oft im Stich gelassen. Seiner Überzeugung nach besteht daher die größte Chance von KI darin, die wertvolle Verbindung und das Vertrauen – auch „die menschliche Note“ genannt – zwischen Patienten und Ärzten wiederherzustellen, weil sie Zeit schafft für Wesentliches. Wenn der Arzt sich während der Behandlung voll und ganz seinem Patienten widmen kann und nicht mit Bürokratie und Administration beschäftigt ist, können wir zurückkehren zu einer menschlichen Medizin.

Chancen der Künstlichen Intelligenz sehen

Ein schönes Beispiel kommt aus der Schweiz: Die Online-Teleklinik ­Medgate bringt im Mittel 13 Minuten für das Arzt-Patienten-Gespräch auf, diese Zeit hat in Deutschland kein Arzt. In diesem Sinne ist KI als Chance für die Entwicklung der Medizin und nicht als Gefahr zu sehen.

Prof. Bordt schloss seinen Vortrag mit fünf Prioritäten, die aus Sicht der Jesuiten ein gelungenes und erfülltes Leben ausmachen (in der genannten Reihenfolge):

  1. Genügend Schlaf
  2. Gesundheit
  3. Self-Awareness und Meditation
  4. In Beziehungen leben
  5. Arbeit

Als Fazit bietet sich ein Zitat Ludwig Wittgensteins (1889–1951) an: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“

Kongressbericht: Diatec 2020