Gastrointestinale Karzinome Welche Präventionsmaßnahmen beim metabolischen Syndrom Erfolg versprechend sind

Autor: Dr. Andrea Wülker

Zu den bekannten Risikofaktoren für gastrointestinale Tumoren zählen u.a. Übergewicht, Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung, Alkoholkonsum, Tabakrauchen und bestimmte Infektionen. Zu den bekannten Risikofaktoren für gastrointestinale Tumoren zählen u.a. Übergewicht, Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung, Alkoholkonsum, Tabakrauchen und bestimmte Infektionen. © Crystal light – stock.adobe.com

Dicker Bauch, hoher Blutdruck, ungünstige Fett- und Blutzuckerwerte: Das metabolische Syndrom bedroht nicht nur Herz und Kreislauf, sondern erhöht auch das Risiko für Karzinome im Magen-Darm-Trakt. Mit bariatrischer OP, Statinen und anderen Maßnahmen lässt sich dem entgegenwirken.

In der Altersgruppe der 35- bis 70-Jährigen sterben sehr viel mehr Menschen an Krebs als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders für Menschen mit einem metabolischen Syndrom (MetS) sieht es nicht gut aus, denn je mehr Kriterien des MetS sie erfüllen (s. Kasten), desto stärker steigt ihr gastrointestinales (GI) Krebsrisiko, warnt Prof. Dr. Hans Scherübl, Gastroenterologe am Vivantes Klinikum Am Urban, Berlin. Vor allem ist bei MetS-Patienten das Risiko erhöht, an Adenokarzinomen von Speiseröhre, Magen, Bauchspeicheldrüse, Leber, Gallenwegen und Darm zu erkranken und daran zu versterben. Das MetS lässt die gastrointestinale Krebssterblichkeit bis zum 2,4-Fachen ansteigen. Fatalerweise nehmen jedoch ausgerechnet Patienten mit einem MetS noch seltener an der Krebsvorsorge teil als Stoffwechselgesunde.

Besorgniserregend ist, dass das MetS zunehmend Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betrifft. Daraus folgt, dass heute mehr Menschen früher und länger mit einem MetS leben als ältere Generationen. Dieser Trend scheint sich auch auf die Krebshäufigkeit auszuwirken. So weist die Generation Y (Geburtsjahrgänge 1981 bis 1996) bei verschiedenen Krebsarten ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko auf als jenes, das ihre Eltern (Geburtsjahre 1956 bis 1965) im gleichen Lebensalter hatten. Heute erkranken immer mehr junge Erwachsene unter 50 an MetS-assoziierten Karzinomen. Allerdings scheint diese negative Entwicklung nicht allein am MetS zu liegen, sondern auch an weiteren Faktoren. Dazu gehören etwa ungesunde Ernährung, Konsum zuckerhaltiger Getränke, veränderte intestinale Mikrobiota, Bewegungsmangel und sitzender Lebensstil.

Über welche Mechanismen fördert das MetS maligne Tumoren? Hierbei scheinen viele Faktoren beteiligt zu sein, etwa chronische Entzündungsreaktionen, Fettstoffwechselstörungen, Hyperglykämie und oxidativer Stress. Eine wichtige Rolle spielen zudem Änderungen im IGF(insulin-like growth factor)-1-System, veränderte Serumspiegel von Geschlechtshormonen, Adipokinen, freien Fettsäuren und Aroma­tasen.
Die gute Nachricht ist, dass sich mithilfe der präventiven Tumormedizin einiges erreichen lässt: „Das MetS ist in den meisten Fällen vermeidbar oder modifizierbar“, so Prof. Scherübl. „Ca. 50 % aller GI-Krebsfälle könnten prinzipiell verhindert werden.“

Tabakentwöhnung und Krebsfrüherkennung

Zu den bekannten Risikofaktoren für gastrointestinale Tumoren zählen u.a. Übergewicht, Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung, Alkoholkonsum, Tabakrauchen und bestimmte Infektionen – all diese Faktoren können bekämpft werden. Da Tabakrauchen für etwa 30 % der Krebstodesfälle verantwortlich ist, empfiehlt der Kollege, rauchenden MetS-Betroffenen unbedingt eine professionelle Tabakentwöhnung anzubieten.

Metabolisches Syndrom oder nicht?

Für das Vorliegen eines metabolischen Syndroms sind folgende Merkmale entscheidend:

  • erhöhter arterieller Blutdruck
  • erhöhter Bauchumfang
  • erhöhter Nüchternblutzucker
  • erhöhte Triglyzeride
  • zu niedriges HDL-Cholesterin

Sind drei oder mehr dieser Kriterien erfüllt, kann man ein MetS diagnostizieren.

Zudem sollten MetS-Patienten regelmäßig an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen teilnehmen. Das endoskopische Tumorscreening wird dabei am besten mit Programmen kombiniert, die einen gesunden Lebensstil vermitteln. Prof. Scherübl zeigt einige weitere Maßnahmen auf, die bereits heute die Gesundheit von MetS-Betroffenen bessern oder in Zukunft eingesetzt werden könnten:

  • Bei adipösen MetS-Patienten senken bariatrische Operationen das erhöhte Krebsrisiko um 40–60 %. Denn bariatrische Eingriffe reduzieren nicht nur das Körpergewicht, sondern sie verbessern auch die metabolische Gesundheit erheblich.
  • Jungen Erwachsenen mit MetS sollte auch in Deutschland bereits ab dem 45. Lebensjahr eine Darmkrebsvorsorge angeboten werden (wie es die neuen US-amerikanischen Empfehlungen bereits vorsehen). Denn MetS-Betroffene erkranken früher und häufiger als Stoffwechselgesunde an kolorektalen Karzinomen und ihre Prognose ist schlechter.
  • MetS steigert das Risiko, ein hepatozelluläres Karzinom (HCC) zu entwickeln, auf etwa das Zweifache. Eine Statintherapie kann das HCC-Risiko von MetS-Patienten mit NAFLD, NASH oder NASH-Zirrhose erheblich senken (um 50 % und mehr). Daher sollte Patienten mit einer chronischen Lebererkrankung eine Statintherapie angeboten werden.
  • Ein Magenkrebs-Früherkennungspro­gramm für alle ab dem 40. Lebensjahr in Korea erbrachte positive Ergebnisse. Daher sollte das Potenzial einer endoskopischen Früherkennung von Magen- und Ösophaguskarzinomen auch in westlichen Ländern bei Hochrisikogruppen wie MetS-Patienten untersucht werden.

Quelle: Scherübl H. Z Gastroenterol 2022; 60: 1394-1400; DOI: 10.1055/a-1959-3829