Wenn Ärzte plötzlich selbst zum Patienten werden

Autor: Michael Brendler

Wer einen Schlaganfall überlebt hat, kämpft mit Angst, Hilflosigkeit und Schamgefühlen. © iStock/tuncaycetin

Der Umgang mit Schlaganfallpatienten gehörte für ihn zum Alltag. Auf einmal war er selbst einer. Erst dann wurde dem Neurologen bewusst, was die Erkrankung für einen Menschen eigentlich bedeutet.

Sein eigener Wunschpatient wäre Dr. Udo Kischka sicherlich nicht gewesen. Mit 62 Jahren bemerkte der ehemalige Arzt für neurologische Rehabilitation von der Universität Oxford an einem Abend motorische Ausfälle und Sensibilitätsstörungen in seinem linken Arm und Bein; er war gerade einem Zug nachgerannt. Schlagartig waren auch Kopfschmerzen aufgetreten. Ein Schlaganfall, dachte er sofort. Dr. Kischka ging seinem Instinkt folgend zunächst nach Hause – um dort am nächsten Morgen halb blind, halb gelähmt und verängstigt auf dem Fußboden aufzuwachen.

Gesichter werden zu Fratzen, Gliedmaßen zum Horror

„Ich habe mich selbst für einen Schlaganfall-Spezialisten gehalten, jetzt musste ich lernen, wie viel mir über die Krankheit noch unbekannt war“, setzt er seine Erzählung fort. Eine Hemiparese, so stellte er zum Beispiel fest, ist viel mehr als eine Lähmung; die Glieder werden zu toten Anhängseln, die man manchmal mit herumliegenden Kissen verwechselt. Die Hemianopsie entpuppte sich als ein schwarzes zerfranstes Loch im Blickfeld, das aus Gesichtern Fratzen machte.

Auch die unstillbare Angst, Opfer von Stürzen oder weiteren Attacken zu werden, war Dr. Kischka früher bei seinen Patienten entgangen. „Heute wünsche ich mir, ich hätte früher genauer nachgefragt, was sie empfanden. Ich schätze, dass mein Fachwissen mich davon abgehalten hat.“ Die falsche Sicherheit, zu der die Beherrschung der medizinischen Termini verführe, hat er inzwischen als Fehler erkannt. Statt nach Gefühlen zu fragen, habe er den Hilflosen vor sich im Bett mit Symptombeschreibungen, Prognosen und Behandlungsoptionen überschüttet.

Dr. Udo Kischka musste noch andere neue Erfahrungen machen. So muss man sich auf viele demoralisierende Rückschläge auf dem Genesungsweg einrichten. Und Patient zu sein – zumal auf der „eigenen“ Station –, heißt, dass man auf sensible Mitmenschen angewiesen ist, die einem helfen, trotz Scham und Hilflosigkeit die eigene Würde zu bewahren. Persönlichkeitsveränderungen, emotionale Labilität und tiefer Pessimismus, all das hat er inzwischen ebenfalls durchgemacht. Sogar dem motiviertesten Patienten raubt die Fatigue manchmal die Kraft, sich zu den Reha-Übungen zu zwingen.

„Wenn ich jetzt, drei Jahre später, zurückdenke, dann war das Schlimmste die umfassende Hilflosigkeit“, schreibt der Autor. „Patienten brauchen einen Arzt, der ihnen den Rücken stärkt und nicht nur therapeutische Zielgrößen im Auge hat“, appelliert er an die Kollegen. Nur so gelingt es, Mut, Zuversicht und das Gefühl, weiter ein Mensch zu sein, zu bewahren. 

Quelle: Kischka U. Lancet 2019; DOI: doi.org/10.1016/S0140-6736(19)32642-X