Kälte, Stress und Hypertonie Wenn Kälte den Blutdruck in ungeahnte Höhen treibt
Ein plötzlicher Kälteeinbruch kann den Blutdruck entgleisen lassen
© panchanok - stock.adobe.com
Es ist weitgehend ungeklärt, wie es zu hypertonen Notfällen mit plötzlichen massiven Blutdruckentgleisungen kommt. Einer Studie zufolge, die Wetterdaten mit Klinikeinweisungen in Zusammenhang bringt, könnte ein Temperaturabfall eine Rolle spielen. Das berichteten Dr. Christina Koppe vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach und PD Dr. Jan Börgel, St. Barbara Klinik in Hamm-Heessen.
Dr. Börgel, der zuvor im St. Josef Hospital in Bochum arbeitete, war aufgefallen, dass in den Monaten September bis Dezember überdurchschnittlich viele Krankenhauseinlieferungen aufgrund von hypertensiven Krisen erfolgten. Innerhalb eines Jahres hatte die Klinik 195 Einweisungen wegen einer Blutdruckentgleisung verzeichnet. Die meisten Tage mit einem oder mehreren solcher Ereignisse lagen im Herbst.
Niedrigere Temperaturen bei Einlieferungen wegen Krisen
Betrachtete man die Wetterdaten in den fraglichen Zeiträumen genauer, ergab sich folgendes Bild: An Tagen ohne Krankheitsfälle lag die Temperatur etwas höher als am Vortag, an Tagen mit Einlieferungen im Schnitt 0,3 °C (gefühlt: 0,4 °C) tiefer. Besonders fielen die Tage auf, an denen mehr als eine Person wegen eines hypertensiven Notfalls aufgenommen wurde. Dann war die Temperatur um 0,5 °C (gefühlt: 1 °C) gefallen. Anders gesagt: An Tagen mit geringerer Temperatur als am Vortag war die Wahrscheinlichkeit für eine Klinikeinlieferung wegen einer hypertensiven Krise im Mittel 2,4-mal so hoch wie ohne Temperaturänderung oder mit Temperaturanstieg.
Wie lassen sich diese Beobachtungen erklären? Studien zufolge ist der Blutdruck im Winter und in kälteren Regionen häufiger erhöht. Grund dafür könnte eine Vasokonstriktion sein, die den Körper vor einem Wärmeverlust schützen soll, sowie ein durch die Kälte aktiviertes sympathisches Nervensystem. Dieser These folgend müssten aber die meisten hypertensiven Notfälle im Januar und Februar auftreten, die als die kältesten Monate im Jahr gelten. Warum machte also gerade der Herbst die Probleme?
In der Bochumer Klinik hatte man bei den betroffenen Personen auch Aldosteron, Renin und Kortisol im Serum bestimmt; die höchsten Werte wurden im Herbst und Winter ermittelt.
Risiko Heiligabend
Warum wird der Heiligabend für Menschen mit Hypertonie unter Umständen zum Desaster? Bei einem hohen Aldosteron-Renin-Quotienten im Dezember könnte ein plötzlicher Temperaturabfall an Heiligabend, der gar nicht so selten vorkommt, verhängnisvoll sein, meinte Dr. Börgel. Die gut gewürzte Weihnachtsgans oder anderes salzhaltiges Essen würden bei diesen Menschen, die in der Regel salzsensitiv sind, den Blutdruck weiter in die Höhe treiben. Hinzu kommt der Alkohol, der schon per se den Blutdruck steigert. Er sorgt aber zugleich für eine Entspannung der Muskulatur. Zusammen mit einer späten Zubettgehzeit kommt es dann bei jemandem, der zum Schnarchen neigt, zu Atempausen im Schlaf, was den Blutdruck in schwindelerregende Höhen steigen lässt. Das alles ist zwar hypothetisch, gab Dr. Börgel zu. Aber in der Zusammenschau mit allem, was man so tagtäglich im Hochdrucklabor sehe, sei das ein durchaus mögliches Szenario.
Aldosteron-Renin-Quotient mit Spitzenwert im Herbst
Das Verhältnis von Aldosteron zu Renin war insbesondere im Herbst deutlich erhöht. Dieser Aldosteron-Renin-Quotient ist unabhängig vom absoluten Aldosteronwert ein Maß für eine inadäquate Aldosteronausschüttung und scheint in diesem Zusammenhang relevant zu sein, verdeutlichte Dr. Börgel. Womöglich handelt es sich bei dem untersuchten Kollektiv um Menschen mit einer Anpassungsstörung, die im Gegensatz zu gesunden Personen im Winter statt im Sommer höhere Aldosteronspiegel haben. „Wir haben hier sozusagen ein Risikokollektiv von speziellen Aldosteronikern“, so Dr. Börgel.
Bei über 80 % der in die Studie eingeschlossenen Patientinnen und Patienten war ein Bluthochdruck mit einer durchschnittlichen Dauer von 12,7 Jahren bekannt. Eine antihypertensive Therapie hatten 70 % der Teilnehmenden erhalten, im Schnitt mit zwei Medikamenten. 37 % wiesen eine resistente Hypertonie auf. Ursachen im Sinne einer sekundären Hypertonie konnten bei 77 % gefunden werden, häufig eine obstruktive Schlafapnoe. Bei den meisten Betroffenen waren die Auslöser aber zuvor nicht bekannt. Das mache deutlich, wie wichtig die Suche nach sekundären Ursachen bei Blutdruckentgleisungen ist, betonte der Kardiologe.
Um den 17. November 2025 herum erlebte Deutschland einen markanten Temperatursturz um 10 °C von +7 auf -3 °C. „Ist Ihnen damals etwas aufgefallen?“, fragte Dr. Koppe das Auditorium. „Falls Sie in einer Notaufnahme arbeiten, wäre es interessant, sich die Einlieferungen wegen einer Blutdruckentgleisung in diesem Zeitraum einmal genauer anzuschauen“, regte sie an.
Quelle: Kongressbericht