Wie gehen Patienten mit ihrem Diabetes um?

Autor: Prof. Dr. Lutz Heinemann / Prof. Dr. Norbert Hermanns

Humor als Coping-Strategie: Patienten der Kohorte neigten zu positiven Arten von Humor. Humor als Coping-Strategie: Patienten der Kohorte neigten zu positiven Arten von Humor. © SimpLine – stock.adobe.com

Gerade für Menschen, die an einer chronischen Erkrankung leiden, ist die momentane Situation mit vielen Ängsten verbunden. Da sind die Ergebnisse einer US-Studie interessant, in der die Bedeutung von Humor bei Patienten mit Diabetes untersucht wurde. Ein Kommentar.

Humor reduziert Stress und verringert Depressionen. Dabei gilt es, zwischen Lachen und Humor zu differenzieren: Während Lachen eine vorprogrammierte, spontane Reaktion ist, stellt Humor ein mehr generelles Konzept dar, welches kognitive, emotionale und soziale Komponenten aufweist. Es gibt eine beachtliche Anzahl von Studien zum Einfluss von Humor auf physiologische und psychologische Aspekte bei stoffwechselgesunden Menschen und solchen mit Dia­betes.

Bei Schulungsprogrammen unterstützt Humor die Effektivität und die Motivation zum Diabetes-Management. Es gilt, humorvolle Dinge gezielt bei der Schulung einzubauen.

Vier Humortypen unterschieden

Im Rahmen der hier vorgestellten Befragung wurde ein „Humor Styles Questionnaire“ (HSQ) verwendet. Dabei werden vier verschiedene Arten von Humor betrachtet:

  • Affiliativer Humor: Darunter wird fremdbezogener und wohlwollender Humor verstanden, bei dem man versucht, durch harmlose Witze eine Beziehung mit anderen Menschen aufzu­bauen.
  • Selbstaufwertender Humor: Dieser selbstbezogene und wohlwollende Humor wird verwendet, um das eigene Selbstbild zu stärken, indem man eine heitere Sicht auf das Leben aufrechterhält.
  • Aggressiver Humor: Dieser fremdgerichtete und schädliche Humor dient dazu, sein Selbstbild zu stärken, indem man andere Personen bloßstellt und schikaniert.
  • Selbstaggressiver Humor: Dieser selbstgerichtete und schädliche Humor dient dazu, eine Beziehung zu anderen Personen herzustellen, indem man sich selber zur Zielscheibe des Spottes macht.

Beispiele für die Humorarten

  • Affiliativer Humor: Ein Busfahrer und Geistlicher kommen ans Himmelstor und begehren Einlass. Nach kurzer Zeit bittet Petrus den Busfahrer in den Himmel. Der Geistliche beschwert sich bei Petrus und sagt: „Ein Leben lang habe ich Gottesdienste gefeiert und als Geistlicher den Menschen treu gedient; wieso kommt nun ein Busfahrer direkt in den Himmel und ich nicht?“ „Ganz einfach“, erwidert Petrus: „Als Du gepredigt hast, haben die Leute geschlafen; als der Busfahrer Bus gefahren ist, haben die Leute gebetet.“

  • Selbstaufwertender Humor: Ein Bonmot von Armin Laschet nach seiner Wahl zum NRW-Ministerpräsidenten: „Eilmeldung – das Leben geht weiter.“

  • Aggressiver Humor: Barack und Michelle Obama gehen in ein Autohaus. Dabei stellt sich heraus, dass Michelle früher einmal mit dem Besitzer des Autohauses liiert war. Barack sagt: „Wärst du mit ihm zusammengeblieben, wärst du heute die Frau eines Autohausbesitzers.“ Michelle antwortet: „Nein, wenn ich heute noch mit ihm zusammen wäre, dann wäre er heute der Präsident der USA.“

  • Selbstaggressiver Humor: Wenn Sie sich nach Ihrem 295. Versuch, ein schönes Selfie von sich zu machen, immer noch einreden, dass Sie nicht hässlich sind und heute nicht Ihr Tag ist, dann grenzt dies an Realitätsverweigerung.

Die beiden positiven Dimensionen (affiliativ und selbstaufwertend) beinhalten Humor, der sich selbst und die Beziehung zu anderen Menschen unterstützt, die beiden negativen Dimensionen (aggressiv und selbstzerstörerisch) beinhalten Humor, der einen selbst auf Kosten anderer unterstützt oder der andere unterstützt auf die eigenen Kosten.

Der HSQ beinhaltet 32 Fragen und verwendet eine 7-Punkte-Likert-Skala. Die Angaben der Patienten im HSQ zum Humor wurden verglichen mit „Normwerten“, die bei 1195 gesunden Probanden erhoben wurden, dabei hatten diese ein mittleres Alter von 25 Jahren. Die Befragung wurde im Herbst 2018 durchgeführt. An der Studie nahmen 260 Personen teil, wobei die Daten von 249 auswertbar waren.

Dabei war es wohl ausgesprochen schwierig, Teilnehmer in Colorado und umgebenden Staaten für diese Studie zu rekrutieren (niedrige Response-Rate). Dies macht einen positiven Selektionsbias bei dieser Studie sehr wahrscheinlich, d.h. es nahmen nur Patienten teil, die an solchen Befragungen überhaupt teilnehmen und die eine gewisse positive Einstellung zu diesem Thema haben. Neben dem HSQ mussten die Teilnehmer noch Angaben zu sich selber machen, d.h. Diabetes-Typ, Geschlecht, Schulausbildung, Rasse, Alter, Dia­betesdauer und letzter HbA1c-Wert.

Stichprobe aus eher weiblichen, gebildeten Teilnehmern

Die meisten Teilnehmer wiesen Typ-1-Diabetes auf (72 %), waren Frauen (70 %), hatten einen Bachelor-Abschluss und waren Kaukasier. Der mittlere HbA1c betrug 7,1 %. Altersverteilung und Diabetesdauer wiesen keine eindeutigen Peaks auf, waren also recht breit verteilt. Die Teilnehmer sind in einer Reihe von Aspekten keine repräsentative Stichprobe. Jedoch machen die Autoren Vorschläge, wie bei weiteren Studien diese Limitation vermieden werden kann.

Die Angaben der Gesamtgruppe der Patienten im HSQ unterschieden sich nicht signifikant von denen der Vergleichsgruppe beim affiliativen und dem selbstaufwertenden Humor, waren aber signifikant niedriger beim aggressiven Humor und signifikant höher beim selbstzerstörerischen Humor.

Eine getrennte Betrachtung nach Diabetes-Typ zeigt: Patienten mit Typ-1-Diabetes unterscheiden sich nur durch weniger aggressiven Humor von der Vergleichsgruppe, aber nicht bei den anderen drei Humor-Arten. Patienten mit Typ-2-Diabetes wiesen dagegen weniger affiliativen und aggressiven Humor auf. Beim selbstaufwertenden Humor gab es keinen Unterschied zur Vergleichsgruppe, aber mehr selbstzerstörerischen Humor. Dabei muss die kleinere Gruppengröße bei diesen Patienten (n = 69) berücksichtigt werden.

Insgesamt betrachtet, scheinen Patienten mit Typ-1-Diabetes sich nicht von der Vergleichsgruppe zu unterscheiden, wenn es um „positive“ Aspekte von Humor geht. In Anbetracht der höheren Rate des Auftretens von Depressionen und Ängsten bei dieser Patientengruppe ein interessantes Ergebnis.

Die beiden Diabetestypen unterschieden sich von der Vergleichsgruppe bei „negativem“ Humor, beide wiesen niedrigere Werte beim aggressiven Humor auf. In Anbetracht der Herausforderungen, die Patienten mit Diabetes im Leben bewältigen müssen, waren die Autoren von dem entgegengesetzten Ergebnis ausgegangen.

Dass die Patienten mit den beiden Diabetestypen beim selbstzerstörerischen Humor höher als die Vergleichsgruppe abschnitten, war dagegen ein erwartetes Ergebnis. Patienten mit Diabetes müssen alltäglich mit einer Reihe von medizinischen und psychologischen Problemen klarkommen.

Positive Grundeinstellung trotz chronischer Erkrankung

Die Teilnehmer an dieser Studie wiesen eine recht gute Glukosekontrolle auf, insbesondere für US-Verhältnisse. Ein weiterer Hinweis darauf, dass diese Gruppe nicht repräsentativ für Patienten in den USA insgesamt ist.

Patienten mit Diabetes scheinen also trotz einer chronischen und fordernden Erkrankung ein Leben mit einer positiven Einstellung zum Humor zu führen und nicht zu einem negativen, aggressiven Humor zu tendieren. Die Nutzung von Humor stellt eine Coping-Strategie dar, die Patienten darin unterstützt, mit der Erkrankung zu leben. Eine Hauptwirkung des Humors ist die Überraschung.

Den Humor therapeutisch nutzen

Ein guter Witz baut nach ­Werner ­Wicki, Humorforscher an der Hochschule Luzern, eine Erwartung auf, die dann enttäuscht wird. Er beschreibt dies als „Inkongruenz“, eine Umstellung der Vorstellungen, die im Witz gerade erst aufgebaut wurden. So entsteht eine Überraschung.

Dieses Moment kann auch therapeutisch genutzt werden: Denn im Humor werden quasi spielerisch festgesetzte Erwartungen und Logiken enttäuscht. Das kann „unverrückbare“ Gewissheiten infrage stellen und relativieren. Gerade dort, wo bestimmte Einstellungen und Schemata zu rigidem Verhalten oder irrationalen Ängsten führen, kann eine spielerische Infrage-Stellung eine therapeutisch hilfreiche Wirkung entfalten. Umberto Ecos Klassiker „Der Name der Rose“ hat dem ein Denkmal gesetzt: Indem „das Lachen“ nach Ansicht des greisen Jorges die „Furcht überwindet“ und damit die Autorität des bisher Geglaubten gefährlich untergräbt.

Inwieweit man durch Humor-Trainings auch Diabetespatienten gezielt bei der Bewältigung von krankheitsbedingten Belastungen unterstützen kann und welche Humorstile hierbei besonders hilfreich oder schädlich sind, bedarf sicherlich noch weiterer Forschung. So äußern sich die Autoren nicht dazu, wie mit dem stärkeren Auftreten von selbstzerstörerischem Humor umzugehen ist. Trotz Limitationen liefert die Studie deutliche Hinweise darauf, dass Humor ein integraler Bestandteil von Schulungsprogrammen und der Dia­betesbehandlung sein sollte.

Quelle: Greene DS et al. Diabetes Spectrum 2020; 33: ds190028; DOI: 10.2337/ds19-0028


Prof. Dr. Lutz Heinemann, Science Consulting in Diabetes GmbH, Neuss Prof. Dr. Lutz Heinemann, Science Consulting in Diabetes GmbH, Neuss © Mike Fuchs
Prof. Dr. Norbert Hermanns, Forschungsinstitut Dia­betes-Akademie Bad Mergentheim Prof. Dr. Norbert Hermanns, Forschungsinstitut Dia­betes-Akademie Bad Mergentheim © zVg