Wie viele Ärzte werden sexuell belästigt?

Autor: Michael Brendler

70 % der Befragten wurden schon einmal Opfer von Missbrauch, Erniedrigung oder Belästigung. 70 % der Befragten wurden schon einmal Opfer von Missbrauch, Erniedrigung oder Belästigung. © iStock.com/ferrerivideo

Rund 70 % der Ärztinnen und Ärzte haben am Arbeitsplatz Grapschen und andere Belästigung erlebt. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage an einer großen Klinik. Die Täter sind meist Kollegen.

Sexuelle Belästigung am medizinischen Arbeitsplatz wurde in Deutschland bisher kaum untersucht. Das wollte Sabine Jenner, die am Gleichstellungsbüro der Berliner Charité forscht, nun ändern. Zusammen mit Kollegen hat sie 1862 Ärzte einer großen Klinik angeschrieben, 790 antworteten ihr (Frauenanteil 60 %). Das Ergebnis: 70 % hatten schon einmal irgendeine Form von Missbrauch, Erniedrigung oder sogar Belästigung erlebt. In 25 % der Fälle waren diese Übergriffe sexueller Natur, in 62 % in anderer Form erniedrigend.

Sex als Gegenleistung für berufliche Vorteile

Als wäre das nicht schon schlimm genug, blieb es leider oft nicht dabei: 17 % der Befragten gaben an, man hätte ihnen ungewollten Körperkontakt aufgenötigt, bei 2,2 % (n = 16) ging das bis zu Begrapschen oder Küssversuchen. 1,5 % wurden berufliche Vorteile im Austausch gegen sexuelle Handlungen angeboten. Zwei Frauen und zwei Männer wurden nach eigenen Angaben sogar Opfer körperlicher sexueller Attacken.

Meist habe es sich bei den Angreifern um Kollegen gehandelt, berichten die Autoren. Bei Frauen waren es vor allem die Vorgesetzten. Dazu passt, dass der einzige strukturelle Faktor, der mit der Wahrscheinlichkeit solcher Übergriffe assoziiert war, „strenge Hierarchien“ heißt.

US-Forscher untersuchten nun, welche gesundheitlichen Folgen sexuelle Erniedrigung am Arbeitsplatz hat. Das Ergebnis sollte auch deutschen Ärzten zu denken geben. Für die Betroffenen selbst gab es schon bisher keinen Zweifel: Sexuelle Beläs­tigungen haben oft Folgen für Gesundheit und Psyche, das haben sie in Umfragen schon mehrfach angegeben. Dr Rebecca Thurston vom Department of Psychiatry der Universität Pittsburgh und ihre Kollegen starteten eine Untersuchung bei 304 zuvor kreislaufgesunden Frauen zwischen 40 und 60 Jahren.

Der Studie zufolge trägt eine Frau nach verbalen Übergriffen ein doppelt so hohes Risiko, einen Hypertonus zu entwickeln. Auch die Wahrscheinlichkeit für Schlafprobleme steigt fast um den Faktor zwei. Die gesundheitlichen Folgen von physischen Attacken sind noch gravierender. Das Depressionsrisiko erhöht sich um den Faktor drei, Angststörungen treten doppelt so häufig auf wie in der Normalbevölkerung. Das Gleiche gilt für ernste Schlafprobleme.

„Diese Ergebnisse sprechen für die Notwendigkeit einer Änderung unserer medizinischen Kultur“, schreiben die Autoren. Strukturierte und umfassende Maßnahmen seien nötig, um die hohe Zahl solcher Übergriffe zu reduzieren.

Quellen:
1. Jenner S et al. JAMA intern med 2018; online first
2. Thurston R et al. A.a.O.