Zahn-Operationen als Risikofaktor für Endokarditiden eher nebensächlich

Autor: Dr. Susanne Gallus

Hämophilus parainfluenzae hat sich dieser Mitralklappe angenommen. Die endokarditischen Vegetationen sind deutlich zu erkennen. © CDC/Dr. Edwin P. Ewing, Jr.

Herzfehler und implantiertes Material prädisponieren stark für eine Endokarditis. Ist die Entzündung erst einmal überstanden, wird es langfristig richtig gefährlich: Das Risiko, ein Rezidiv zu erleiden, steigt um das 266-Fache!

Um die Endokarditisgefahr zu senken wird bei Hochrisikopatienten, die sich einem invasiven orodentalen Eingriff unterziehen, eine prophylaktische Antibiotikagabe empfohlen. Professor Dr. Siegbert Rieg von der Abteilung für Infektiologie der Uniklinik Freiburg hält dieses Vorgehen selbst in der Hochrisikogruppe für überflüssig.

S. aureus im Blut gefährdet das Endokard besonders

Es seien die „Alltags-Bakteriämien“, die die Mehrzahl der Endokarditis-Fälle verursachen, so der Kollege. Sich auf die Zahn-OP-Patienten einzuschießen, sei daher nur wenig effektiv. In einer frankreichweiten Kohortenstudie im Case-Crossover-Design mussten mehr als 52 000 Hochrisikopatienten antibiotisch behandelt werden, um sechs Entzündungen des Endokards zu verhindern. Eine angepasste Mundhygiene helfe bei solchen Eingriffen viel mehr.

Kardiovaskuläre Leiden bringen per se das wesentliche Risiko mit sich. So liegen eine vorausgegangene Endokarditis und ein Kunstherz auf Platz 1 und 2 der prädisponierenden Herzkrankheiten (s. Tabelle). Erstere beispielsweise steigert die Rezidivgefahr um das 266-Fache. Lässt sich bei einem Patienten bereits eine Bakteriämie nachweisen, hängt das Risiko zusätzlich von der Art des Keims ab. Studien zufolge besteht eine 8–12%ige Wahrscheinlichkeit, dass bei einer S.-aureus-Bakteriämie auch das Endokard befallen ist.

Die wahren Endokarditis-Gefahrenquellen
Prädisponierender Faktor
Odds Ratio über fünf Jahre*
vorherige Endokarditis265,5
Kunstherz/linksventrikuläres Assist Device124,2
angeborener Herzfehler und Shunt/Konduit-Versorgung86,1
Klappenrekonstruktion76,7
Klappenersatz70,1
angeborene Klappenanomalie66,4
zyanotischer Herzfehler55,4
rheumatisches Fieber51,4
nicht-rheumatische Klappenerkrankung41,5
hypertrophe Kardiomyopathie32,8
Herzfehlerkorrektur mit prothetischem Material18,3
implantierter Schrittmacher/Kardioverter9,7
Herztransplantation5,5
* nach Thornhill MH et al. Eur Heart J 2018; 39: 586-595

Bei ambulant erworbener Infektion schien sogar jede fünfte Herzinnenhaut entzündet, insbesondere wenn Risikofaktoren hinzukamen:

  • embolisches Ereignis
  • implantierter Herzschrittmacher
  • durchgemachte Endokarditis
  • implantierte Klappenprothese
  • intravenöser Drogenabusus
  • prolongierte Bakteriämie (> 48–72 h nach Start einer adäquaten Therapie)

TEE-Indikation lässt sich mithilfe von Scores stellen

Deshalb ist in solchen Fällen eine transösophageale Echokardiographie (TEE) obligat, betonte der Experte. Bei E.-faecalis-Bakteriämie liegt in 3–10 % der Fälle eine Endokarditis vor. Als prädiktive Faktoren gelten persistierender positiver Befund in der Blutkultur, unklare Eintrittspforte/unbekannter Fokus, Klappenvitien und auskultierbare Herzgeräusche.

Anhand von Scores (NOVA, DENOVA) wird versucht, Patienten mit einer E.-faecalis-Bakteriämie herauszufiltern, die eine TEE benötigen. Offenbar sind 14–28 % der transösophagealen Untersuchungen verzichtbar. Im Alltag werden allerdings eher zu wenige Echokardiographien durchgeführt, so Prof. Rieg. Bestätigt sich der Verdacht, sollte – insbesondere bei unbekanntem Fokus – dem Auslöser auch per Koloskopie nachgegangen werden. Ähnlich wie bei Strept. gallolyticus hat sich ein Zusammenhang zwischen E.-faecalis-Endokarditis und kolorektalen Neoplasien gezeigt.

Quelle: 7. Infektiologie-Update-Seminar