Zementinstillation ist bei akuten Osteoporose-Frakturen sinnlos

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Das Zement im Knochen soll für Stabilität sorgen (links). Tritt es jedoch in den Spinalkanal ein und drückt es auf das Rückenmark kommt es zu neurologischen Symptomen (rechts). © wikimedia/James Heilman, MD

Schmerz lindern mit Zement: Bisher umstritten, scheint die Prozedur nun aufgrund neuer Daten passé zu sein. Denn eingesetzt bei akuter osteoporotischer Wirbelkörperfraktur erzielt sie ähnliche Effekte wie eine Scheintherapie.

Aufgrund der widersprüchlichen Datenlage war die Vertebroplastie bei der osteoporotischen Wirbelkörperfraktur schon länger umstritten. Nun kommen niederländische Forscher in einer Doppelblindstudie zu dem Schluss, dass sie in der Akutsituation nicht besser wirkt als eine Scheinbehandlung.1

Die 180 teilnehmenden Osteoporosepatienten waren mindestens 50 Jahre alt und litten unter einer akuten Wirbelkörperkompression. Die bis zu drei schmerzhaften Wirbelkörperfrakturen durften nicht länger als sechs Wochen – und dann im Studienverlauf ausgeweitet auf neun Wochen – bestehen, schreibt das Team um die Radiologin Dr. Cristina­ Firanescu­ vom Elisa­beth TweeSteden Hospital im niederländischen Tilburg. Die Schmerzen auf der visuellen Analogskala (VAS) lagen bei mindestens 5.

Die Teilnehmer erhielten randomisiert entweder eine Scheinprozedur mit echter Lokalanästhesie und simulierter Zementapplikation oder statt Letzterem eine echte Vertebroplastie. Die Effekte wurden am ersten Tag und nach der ersten Woche sowie nach Monat 1, 3, 6 und 12 ermittelt. Mit ernüchterndem Ergebnis: Zwar reduzierte sich der Schmerz zu jedem Zeitpunkt signifikant (nach einem Jahr um etwa 5 Punkte auf der VAS) und die Patienten benötigten weniger Analgetika. Jedoch waren die Effekte in beiden Armen ähnlich stark. Auf die sekundären Endpunkte wie Lebensqualität zeigten sich ebenfalls keine relevanten Unterschiede.

Viele Teilnehmer hielten die Scheinprozedur für echt

Die Forscher geben zu bedenken, dass etwa 80 % unter Scheinprozedur annahmen, sich einer Vertebroplastie unterzogen zu haben. Dadurch könnte das Ausmaß des Placeboeffekts größer ausfallen als in bisherigen Studien. Außerdem fehlte eine zusätzliche Standardgruppe als Kontrolle und weitere Medikationen wurden nicht abgefragt. Dies alles könnte Einfluss auf das Ergebnis gehabt haben. Für Evan Davies, Wirbelsäulenchirurg am Southampton General Hospital, ist jedoch klar: Die Vertebroplastie sollte Patienten mit maximal drei schmerzhaften osteoporotischen Frakturen und kurzer Krankheitsdauer (< 6–9 Wochen) gar nicht erst angeboten werden.2 Bekanntermaßen werden Betroffene bereits unter einer konservativen Therapie innerhalb von sechs Wochen schmerzfrei, schreibt er in einem Kommentar. Selbst bei zuvor starken Beschwerden! Die Vertebroplastie kann hingegen zu schwerwiegenden Komplikationen wie Rückenmarksverletzungen und Lungenembolien führen – ausgelöst durch Zement-Leckagen.

Positiver Langzeiteffekt auf Kyphose möglich

Aufgrund fehlender Langzeitdaten bleibt unklar, ob der Eingriff einen güns­tigen Effekt auf Kyphosebildung und Mortalität bei Patienten, deren Osteoporose bereits medikamentös behandelt wird, hat. Der in der Studie ausgebliebene Einfluss auf akute Beschwerden schließe nicht aus, dass die Vertebroplastie langfristig die Progression einer Kyphose mit ihren nachteiligen Folgen für die Lebensqualität verhindert.

Künftige Studien sollten die typischen Begleit­erkrankungen der älteren Patienten mit osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen ins Visier nehmen. Bisher betrachten viele Chirurgen und Radiologen diese noch zu isoliert, kritisiert der Kollege. Außer Frage steht der schmerzlindernde Effekt der Zement-Augmentation für Davies bei Patienten mit multiplem Myelom oder vertebralen Metastasen anderer Tumor­erkrankungen. 

1. Firanescu CE et al. BMJ 2018; 361: k1551
2. Davies E. A.a.O.: k1756