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Typ-1-Diabetes Achterbahn ausgebremst

Autor: Antje Thiel

Schlechte Schlafqualität ist eine große Herausforderung für Familien von Kindern mit Typ-1-Diabetes. Schlechte Schlafqualität ist eine große Herausforderung für Familien von Kindern mit Typ-1-Diabetes. © iStock/ Andrey Popov
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  Im Direktvergleich verbesserte ein Hybrid-Closed-Loop gegenüber einer sensorunterstützten Pumpentherapie die Blutzuckerkontrolle bei Kindern bis sieben Jahren. Der Algorithmus senkte die Glukosewerte, ohne die Zeit unter Hypoglykämien zu erhöhen. Besonders nachts schnitt der Loop besser ab: Er erhöhte die TiR von 66 % auf 82 %.

Gerade bei den Jüngsten mit Typ-1-Diabetes schwanken die Glukosewerte häufig stark. Grund sind der variable Insulinbedarf, eine hohe Insulinsensitivität und schwer vorhersehbares Ess- und Aktivitätsverhalten. In einer randomisierten Cross-Over-Studie untersuchte ein Forschungsteam um Dr. ­Julia ­Ware von der Universität Cambridge 74 Kinder im Alter von 1–7 Jahren. In zufälliger Reihenfolge nutzten die jungen Patient*innen jeweils 16 Wochen lang entweder eine sensorunterstützte Pumpentherapie (SuP) oder ein Hybrid-Closed-Loop-System (HCL) und wechselten anschließend zur jeweils anderen Therapie.

Die teilnehmenden Kinder lebten im Schnitt seit etwa zweieinhalb Jahren mit Typ-1-Diabetes, ihr HbA1c-Wert  lag bei durchschnittlich 7,3 %. Rekrutiert wurden sie über Diabeteseinrichtungen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und Großbritannien. Die Kinder bzw. ihre Eltern hatten alle bereits Erfahrung mit der Pumpentherapie. Für die beiden Studienphasen nutzten sie jeweils dieselbe Technik; während der SuP-Phase wurde lediglich der in Cambridge entwickelte Android-AID-Algorithmus „CamAPS FX“ deaktiviert.

Mehr Zeit im Zielbereich während der HCL-Phase

Hauptziel der Untersuchung war es, herauszufinden, wie die HCL-Nutzung die Zeit im Zielbereich (TiR, 70–180 mg/dL) verändert. Als sekundäre Endpunkte analysierten die Forschenden unter anderem die zeitlichen Anteile von leichten und schweren Hyper- und Hypoglykämien, den HbA1c-Wert  und die Glukosevariabilität.

In der HCL-Phase wiesen die Kinder um 8,7 Prozentpunkte verbesserte TiR-Werte auf als während der SuP-Phase (HCL: 71,6 %, SuP: 62,9 %). Gleichzeitig sank im HCL-Zeitraum der Anteil von Glukosewerten oberhalb des Zielbereichs signifikant (-8,5 %), ebenso wie der durchschnittliche HbA1c-Wert (-0,4 %) und der durchschnittliche Glukosewert (-12,3 mg/dL).

Diese Verbesserungen waren den Autor*innen zufolge nicht auf vermehrte Hypoglykämien zurückzuführen: In der HCL-Phase verbrachten die Kinder einen ähnlichen Zeitanteil mit Glukosewerten unterhalb von 70 mg/dL wie während der SuP-Therapie (HCL: 4,5 %; SuP: 3,9 %) bzw. weniger als 54 mg/dl (0,8 % vs. 0,6 %). In der Studie kam es zu einem schweren hypoglykämischen Ereignis während der Closed-Loop-Phase.

Anderes Verhältnis von Basal- und Bolusinsulin

Besondere Bedeutung misst das Autor*innenteam der reduzierten Hyperglykämierate in der Gruppe mit Hybrid-Closed-Loop-System bei. So hätten gerade Kinder, die in jungen Jahren die Diagnose Typ-1-Diabetes erhalten, ein hohes Risiko für neurokognitive Defizite infolge einer gestörten Gehirnentwicklung durch häufige Hyperglykämien. „Unsere Ergebnisse zeigen eine Reduzierung der Zeit in hyperglykämischem Zustand durch die Insulinzufuhr mit einem Hybrid-Closed-Loop-System, ohne dass sich die Zeit mit hypoglykämischen Werten erhöht. Daher vermuten wir, dass eine Closed-Loop-Therapie gerade für jüngere Kinder, die sich in einem vulnerablen Stadium der Gehirnentwicklung befinden, vorteilhaft ist“, betonen sie.

Zudem beobachteten die Forschenden in der Studie eine unterschiedliche Verteilung von Basal- versus Bolusinsulin in den beiden Studienphasen. Während sich die zugeführte Gesamtinsulinmenge nur unwesentlich unterschied (HCL: 16,9 U/Tag, SuP: 17,6 U/Tag), erhöhte sich in der Gruppe mit Hybrid-Closed-Loop-System der Anteil des automatisch via Algorithmus angepassten Basalinsulins (HCL: 8,0 U/Tag, SuP: 5,7 U/Tag) gegenüber dem zu den Mahlzeiten oder für Korrekturen abgegebenen Insulin (HCL: 8,6 U/Tag, SuP: 11,0 U/Tag).

Als bemerkenswert stuft das Autor*innenteam auch den Umstand ein, dass sich die Zeit im Zielbereich in der HCL-Phase insbesondere nachts deutlich gegenüber der SuP-Phase verbesserte (HCL: 82,2 % TiR, SuP: 66,3 % TiR).

Mehr Lebensqualität dank ungestörter Nachtruhe

„Schlechte Schlafqualität ist eine große Herausforderung für Familien von Kindern mit Typ-1-Diabetes, weil der Insulinbedarf nachts besonders stark schwankt und Eltern in diesem Zeitraum besonders viel Angst vor Hypoglykämien haben“, bewerten die Forschenden diese auffällige Verbesserung. „Entsprechend gehen wir davon aus, dass die HCL-Therapie diese nächtlichen Probleme effektiver adressiert als die SuP-Therapie – was sich auch positiv auf die Lebensqualität der Familien auswirkt.“

Quelle: Ware J et al. N Engl J Med 2022; 386: 209-219;  DOI: 10.1056/NEJMoa2111673

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