Ärzte in Behandlung müssen sich von ihrem Beruf distanzieren

Autor: Maria Weiß

Faktoren wie eine hohe Arbeitsbelastung belasten Ärzte seelisch und können unter anderem zu Sucht- und Angsterkrankungen führen. © iStock.com/Motortion

Depressionen, Süchte, Ängste – psychische Leiden machen auch vor Medizinern keinen Halt. Wer in die Lage kommt, einen Kollegen behandeln zu dürfen, sollte ein paar Fallstricke beachten.

Die meisten Ärzte, die Dr. Bastian­ Willenborg in der psychiatrischen Abteilung der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg stationär behandelt, haben sich wegen affektiver Störungen, Sucht- und Angsterkrankungen dort eingefunden. Es sind Faktoren wie eine hohe Arbeitsbelastung, Arbeitsverdichtung und nicht zuletzt der stetig wachsende Anteil bürokratischer Aufgaben, die die Kollegen seelisch belasten und damit zum weltweiten Phänomen der „unhappy doctors“ beitragen.

Bei Anästhesisten und Psychiatern ist das Suizidrisiko am höchsten

Im Ärztemonitor 2012 gab rund jeder Zweite an, „am Ende eines Arbeitstages völlig erledigt zu sein“. 29 % stimmten der Aussage zu: „Ich fühle mich durch meine Arbeit völlig ausgebrannt.“ Die Suizidraten von Medizinern liegen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung – am stärksten gefährdet sind offenbar Anästhesisten und Psychiater.

Ärzte gehen erst zum Arzt, wenn sie richtig krank sind

Wer nun das Vergnügen hat, einen Kollegen als Patienten vor sich sitzen zu haben, kann sich auf einiges einstellen. Das geht schon damit los, dass sie sich oft erst einmal über längere Zeit selbst behandeln, wobei sich beispielsweise Ophthalmologen gern auch an orthopädischen Problemen versuchen, berichtete Dr. Willenborg. Ganz allgemein gehen sie auch viel seltener zum Arzt. Und wenn doch, dann sind sie meist kränker als andere Patienten. Außerdem kann man nicht davon ausgehen, dass sie ihre selbst erteilten Ratschläge, etwa in puncto gesunde Lebensführung, befolgen, meinte der Psychiater. Oder welche annehmen. Da seien sie eben wie alle Menschen.

Als wäre das nicht genug, wird bei Anamnese, Aufklärung und Dia­gnostik häufig noch geschludert, so die Erfahrung Dr. Willenborgs. Untersuchungsprinzipien müssen aber eben auch bei Kollegen eingehalten werden, ganz zu schweigen von den Behandlungsstandards.

Man darf – allen voran bei psychischen Erkrankungen – den Kollegen nicht als Mediziner sehen, sondern muss ihn wie jeden anderen auch als Patienten betrachten. Fachwissen sollte man nicht voraussetzen, zumal sie darauf ohnehin kaum zurückgreifen können, wenn sie unter Störungen wie Depressionen oder Süchten leiden. Von Beginn an müsse man die Rollen klar festlegen: Ich Arzt, Du Patient. „Ich bin Ihr Arzt und will Ihnen helfen“ ist laut Dr. Willenborg also ein besserer Einstieg als „Sie sind ja Kollege und wissen ...“.

Zuletzt wies der Psychiater noch auf ein Problem hin, das man besonders im stationären Bereich trifft: Der Wechsel von der Arzt- zur Patientenrolle fällt Kollegen oftmals sehr schwer. Entsprechend häufig könne man das Phänomen beobachten, dass sie ihren Mitpatienten medizinische Ratschläge geben – und zwar über alle Fachgebiete hinweg. Um Kollegen gar nicht erst in Versuchung zu führen, sollte man ihnen die Grenzen also klar aufzeigen, betonte der Psy­ch­iater.

Quelle: DGPPN* Kongress 2018

* Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde