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Podcast Dem Tod eine Stimme geben

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Bei dem Podcast sollen die Betroffenen zu Wort kommen, nicht die Betreuer. Bei dem Podcast sollen die Betroffenen zu Wort kommen, nicht die Betreuer. © PidcoArt – stock.adobe.com, iStock/wildpixel
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Tod und Sterben sind weiterhin ein Tabuthema, über das die meisten Menschen nur widerwillig sprechen. Nicht so Silvia Antoine und Benjamin Paul: Die Psychologin und der Arzt haben keine Scheu, darüber zu reden, und das für jeden hörbar in einem Podcast.

Im Juli des vergangenen Jahres starteten Silvia Antoine und Benjamin­ Paul vom St. Josef-Hospital Bochum mit ihrem Podcast „Wenn wir sterben“. Die beiden sprechen darin nicht nur über medizinische und psychologische Belange von Sterbenden, sondern auch mit Betroffenen selbst. Über den Podcast möchten sie vor allem Menschen erreichen, die in ihrem Alltag wenig Themen rund um Tod und Sterben begegnen, schreiben die Initiatoren auf ihrer Homepage. Ihr Ziel ist es, einen Diskurs darüber anzuregen.

Der 34-jährige Benjamin Paul arbeitet als Assistenzarzt im Fachbereich Hämatologie und Onkologie mit Palliativmedizin, die 29-jährige Silvia Antoine betreut als Psychologin die Krebsstation und befindet sich außerdem in der Weiterbildung zur Psychologischen Psycho­therapeutin.

Begeisterte Studentin motivierte die beiden

Beide tauschen sich schon lange intensiv über ihre Patienten aus. Den Anstoß zum Podcast gab eine PJ-lerin, erzählt Silvia Antoine. „Sie sagte mal zu uns: Ich könnte Euch den ganzen Tag zuhören.“ So wurde die Idee geboren, Menschen an den Gesprächen teilhaben zu lassen. Bis zur Umsetzung im Podcast dauerte es dann noch etwa 1 1/2 Jahre.

Benjamin Paul beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Tod und Sterben. Als er zehn Jahre alt war, starb sein Großvater – entspannt und ruhig, wie der Kollege berichtet. Das empfand er als sehr positives und prägendes Erlebnis. Erste professionelle Erfahrungen machte er am Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen in Witten, wo er einige Jahre tätig war. Er arbeitete dann zwei Jahre auf einer Palliativstation in Düsseldorf, ehe er nach Bochum kam. „Mich interessiert, was Menschen am Lebensende bewegt, was sie denken und fühlen“, beschreibt er seine Motivation für die Arbeit in der Palliativmedizin und auch am Podcast. Und er betrachtet es als essenziell, eine „mitfühlende“ Medizin zu machen mit der Möglichkeit, intensiven Kontakt zu den Patienten zu gewinnen – etwas, das er z.B. im Rettungsdienst oder in einer Notaufnahme nicht sehen würde. Silvia Antoines großes Anliegen mit dem Podcast ist es, den Tod zu entstigmatisieren.

Natürlich hinterlässt die Arbeit der beiden Spuren. „Ich habe mehr Wertschätzung für das Hier und Jetzt gewonnen und lebe bewusster“, berichtet die Psychologin. Auch an schweren Tagen geht sie nicht traurig aus der Klinik raus, sondern empfindet häufig Frieden und Dankbarkeit. Benjamin Paul nimmt viele Gespräche mit nach Hause und manche werden beim Nachdenken immer präsenter. Aber er findet gerade schwere Tage gut, denn „wenn der Tag anstrengend war, habe ich das Gefühl, über wirklich wichtige Dinge gesprochen zu haben“.

Anfangs haben die beiden aus ihrem Alltag berichtet, doch dann begannen sie, interessierte Patienten von ihrer Station in die Audiobeiträge einzubeziehen. „Die Betroffenen sollen zu Wort kommen, nicht ihre professionellen Begleiter“, sagt Benjamin­ Paul. Da gibt es die ehemalige Lyrikerin, die Freude daran hatte, sich noch einmal darstellen zu können oder der frühere Dozent, der mit Silvia Antoine noch um jedes Wort feilscht, um seine Gefühle präzise zu beschreiben. Lauscht man den Folgen, spürt man die Empathie und den Respekt, den die Psychologin und der Arzt den Kranken an ihrem Lebensende entgegenbringen.

Jeweils nur einer von ihnen spricht mit den Betroffenen, wer das ist, entscheidet sich daran, wer die bessere Beziehung zum Patienten hat. „Silvia­ wird ja fürs Fragenstellen bezahlt, als Arzt ziehe ich mich lieber einen Schritt zurück“, so Benjamin Paul. „Der Schwerpunkt soll schließlich auf der Patientengeschichte liegen“, unterstreicht Silvia Antoine.

Podcast findet im gesamten Umfeld großen Anklang

Schauen, was Menschen in diesen Momenten emotional benötigen, ihnen dabei helfen, ihren Gefühlen Raum zu geben, sie mit ihnen gemeinsam auszuhalten und Gedanken, Sorgen oder Ängste zu ordnen, so beschreibt sie ihren Part.

Beiden ist es eine Herzensangelegenheit, etwas für die Patienten zu tun, ihnen etwas mitzugeben und auch den Angehörigen eine Erinnerung zu hinterlassen. Wie Benjamin Paul betont, braucht der letzte Weg eines Menschen genauso viel Aufmerksamkeit wie alles zuvor „und ich gehe diesen Weg mit ihnen nur einmal, ich kann es nicht beim zweiten Mal besser machen“. Die zwei empfinden es als Privileg, eine enge Beziehung zu Patienten entwickeln zu können und so viel Vertrauen zu genießen, dass die Schwerkranken mit ihnen und den Zuhörern ihre Geschichten teilen.

Alle zwei Wochen erscheinen neue Folgen mit einer Länge von jeweils 30-40 Minuten. Die Vorbereitung dauert ca. drei Stunden. Silvia Antoine und Benjamin Paul haben sich inzwischen ein eigenes Aufnahmeequipment zugelegt, nachdem sie anfangs noch in einem Studio aufgezeichnet haben, produziert wird in der Freizeit. Der Podcast kommt sehr gut an, die ersten fünf Folgen generierten zusammen 2000 Klicks: „Die Patienten blühen auf, Kollegen finden es toll und Nichtmediziner sind überrascht, wie entspannt man über das Thema reden kann“, fasst Silvia Antoine zusammen. So viel positive Resonanz motiviert natürlich zum Weitermachen, man darf also noch einige Folgen erwarten.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht

Silvia Antoine; Psychologin, St. Josef-Hospital, Bochum Silvia Antoine; Psychologin, St. Josef-Hospital, Bochum © privat
Benjamin Paul; Assistenzarzt, St. Josef-Hospital, Bochum Benjamin Paul; Assistenzarzt, St. Josef-Hospital, Bochum © privat
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