Fremdstoffe und Keime in der Muttermilch gefährden Säuglinge nur im Einzelfall

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Eine extra Portion Schadstoffe droht ihm durch die Milch nur selten. © fotolia/golubovy

Psychopharmaka, Alkohol, Infektionen – geraten Fremdstoffe bzw. Erreger in die Muttermilch, steht im schlimmsten Fall das Kindeswohl auf dem Spiel. Der „Worst Case“ tritt in der Realität allerdings selten ein, sodass längere Stillpausen bzw. Abstillen nur vereinzelt nötig sind.

Medikamente

Viele Mütter verzichten aus Verunsicherung auf ein verordnetes Medikament oder stillen ungerechtfertigt ab, schreiben Dr. Stephanie Padberg vom Pharmakovigilanzzentrum Embryonaltoxikologie an der Charité Berlin und Kollegen. Für die meisten Indikationen gebe es durchaus Präparate, die dem Säugling nicht schaden, sodass Frauen i.d.R. weiter brustfüttern können.

Zwar gelangen diverse Wirkstoffe über die Muttermilch zum Kind. Die Konzentration in dessen Körper liegt aber häufig weiter unter dem therapeutischen Bereich. In der Stillzeit sollte man grundsätzlich auf Medikamente zurückgreifen, die für diese Phase gut untersucht sind. Fundierte Informationen finden sich online auf embryotox.de oder in englischer Sprache auf toxnet.nlm.nih.gov.

Auch gilt es, eine Dauermedikation kritisch zu hinterfragen und auf Symptome wie Lethargie, Unruhe und Trinkschwäche beim Kind zu achten. Denn die regelmäßige Einnahme durch die Mutter führt mitunter zur Akkumulation der Substanz beim Nachwuchs und damit zu Beschwerden.

Codein für 1–2 Tage ohne Stillpause möglich

Besonders Früh- und Neugeborene sind dieser Gefahr ausgesetzt. Bzgl. der in der Stillzeit relevanten Medikamente nennen die Autoren folgende Regeln:

  • Bei leichten bis mäßigen Schmerzen sind Ibuprofen und Paracetamol Mittel der Wahl.
  • Opioidanalgetika nur kurzfristig verordnen (Vorsicht bei Kindern mit Apnoeneigung). Codein-Einzeldosen für 1–2 Tage rechtfertigen keine Stillpause.
  • Psychopharmaka und Antiepileptika im Einzelfall kritisch bewerten. Da die psychische Gesundheit der Mutter auch fürs Kind wichtig ist, darf nicht einfach umgestellt werden. Bei Monotherapie mit erprobten Wirkstoffen kann ein gesunder reifer Säugling i.d.R. voll gestillt werden.
  • Der Einsatz von Anästhetika im normalen Dosisbereich ist unbedenklich.
  • Bei Joddosen oberhalb der bei Supplementierung üblichen Stillpause diskutieren (Urographie und gadoliniumhaltige Kontrastmittel sind akzeptabel).
  • Eine Zytostatikatherapie erfordert meist ein Abstillen.

Genussmittel

Die Gefahren durch Rauchen sind allseits bekannt. Am bes­ten fahren frischgebackene Mütter folglich mit einem Rauchstopp. Wenn das Verlangen nach Zigaretten zu groß ist, lautet der Rat: So wenig wie möglich, Rauchpause vor dem Stillen einhalten und nie in der Nähe des Kindes qualmen.

Ähnlich streng sieht es beim Alkohol aus. Modellrechnungen zeigen zwar, dass das Risiko für das Kind bei gelegentlichem niedrigem bis moderatem Konsum der Mutter gering ist. Die Nationale Stillkommission rät aufgrund relevanter Auswirkungen auf den Stillprozess dennoch, auf entsprechende Getränke zu verzichten. Wer sich ausnahmsweise mal ein Glas Wein oder Sekt gönnt, sollte seinem Baby am besten direkt davor die Brust geben.

Kaffee möglichst erst nach dem Stillen genießen

Kaffee sollte in Maßen (max. etwa zwei Tassen/Tag) und im Idealfall ebenfalls unmittelbar nach dem Füttern getrunken werden. Denn die Koffeinkonzentration in der Muttermilch steigt binnen einer Stunde an. Vor allem bei Säuglingen bis zum sechsten Lebensmonat mit ihrem noch unreifen Cytochrom-P450-System kann das Stimulans vorübergehend Unruhe hervorrufen.

Umweltkontamination und Infektionen

Weitgehend Entwarnung geben die Autoren hinsichtlich der Belastung durch Umweltchemikalien. Aufgrund der hochempfindlichen Tests lässt sich in der Muttermilch inzwischen praktisch jede Substanz nachweisen. Entscheidend aber ist die gesundheitsschädliche Menge und nicht der Nachweis als solcher. Das gilt sowohl für die besonders in den 1990er-Jahren diskutierten Dioxine, für Per- und Polyfluoralkylsubstanzen sowie für Pestizide wie Glyphosat. Grundsätzlich leistet die Politik ihren Teil, den Einsatz entsprechender Stoffe zu reglementieren.

Von den Infektionen ist hierzulande einzig die mit HIV eine Abstill-Indikation. Selbst bei hoher Therapieadhärenz besteht noch ein Restrisiko der Virusübertragung durch die Muttermilch. Bei viralen Hepatitiden hingegen ist Brustfütterung erlaubt. Gegen Hepatitis-B-Viren kann das Neugeborene in den ersten zwölf Lebensstunden geimpft werden und der Typ-C-Erreger wird nicht auf laktogenem Weg übertragen. Maternale Leihantikörper schützen derweil vor dem Zytomegalievirus – sehr unreife Frühgeborene ausgenommen. 

Quelle: Padberg S et al. Bundesgesundheitsbl 2018; 61: 960–970