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Corona und Krebs Höhere Mortalität und Langzeitfolgen durch SARS-CoV-2

ESMO 2021 Autor: Dr. Daniela Erhard

Es fiel auf, dass die Mortalität bei den betroffenen Krebspatienten anders als in der Allgemeinbevölkerung während der Pandemie nicht zurückging. Es fiel auf, dass die Mortalität bei den betroffenen Krebspatienten anders als in der Allgemeinbevölkerung während der Pandemie nicht zurückging. © iStock/borchee; iStock/koto_feja
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Zwar machen einige Krebspatienten teils unbemerkt eine SARS-CoV-2-Infektion durch. Aktuelle Registerstudien deuten aber darauf hin, dass die Erkrankung bei ihnen häufiger tödlich verläuft.

Einzelfallberichte bringen die Wissenschaft im Kampf gegen die Corona-Pandemie nicht weiter. Daher haben sich auch in der Onkologie Forscher international zusammengeschlossen, um beantworten zu können, welche Risiken und Folgen speziell Krebspatienten durch eine Infektion mit SARS-CoV-2 drohen.

Das europaweit größte Register hospitalisierter COVID-19-Patienten ist dabei in Großbritannien entstanden: das International Severe Acute Respiratory and emerging Infections Consortium (ISARIC) WHO Clinical Characterisation Protocol UK (CCP-UK). Es berücksichtigt alle Personen, die mit SARS-CoV-2-Nachweis in eine der 258 teilnehmenden britischen Kliniken eingeliefert und in das CCP-UK eingetragen wurden. Bis zum 12. August 2021 hatten die Beteiligten Daten von über 195.000 Patienten mit komplettem Follow-up hinterlegt, darunter 15.250 Teilnehmer mit zurückliegender Krebserkrankung und 5.357 unter aktiver Krebstherapie.1

Und die haben, wie Dr. Tom­ Drake­ von der University of Edinburgh erläuterte, ein höheres Sterberisiko. Während von den COVID-19-erkrankten Krebspatienten etwa 38–39 % starben, waren es bei den übrigen Patienten knapp 24 %. Die Kohorten unterschieden sich aber im Durchschnittsalter oder in den Komorbiditäten nicht.

Mortalität bei betroffenen Krebspatienten ging nicht zurück

Daher schauten sich Dr. Drake und Kollegen die altersabhängigen Sterberisiken genauer an und stellten fest: Gerade für junge Menschen mit Tumoren schmälert die Infektion die Überlebensaussichten. So hatten 80-jährige Coronapatienten mit Krebs im Vergleich zu gleichaltrigen ohne maligne Erkrankung eine 1,15-mal höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben. In der Altersklasse der 20-Jährigen stieg das relative Risiko hingegen um das Neunfache. Zudem beobachteten die Forscher, dass die Chance auf eine Intensivbehandlung für ehemalige Krebspatienten im Falle von COVID-19 um 27 % geringer ausfiel, unter aktiver Therapie sogar um 32 % (OR = 0,83, 95%-KI 0,72–0,95, p = 0,008 bzw. OR = 0,68, 95%-KI 0,62–0,74, p < 0,001).

Ebenso fiel auf, dass die Mortalität bei den betroffenen Krebspatienten anders als in der Allgemeinbevölkerung während der Pandemie nicht zurückging. Sie gipfelte im Gegenteil sogar im Sommer 2020 sowie im Frühjahr 2021 in Höchstwerten. Warum, sei bislang unklar, gab Dr. Drake­ zu. Dem wolle man aber in weiteren Untersuchungen innerhalb des Registers auf den Grund gehen.

In der OnCovid-Studie mit gut 2.600 (hämato-)onkologischen Patienten fand man derartige Entwicklungen nicht, wie aus der Präsentation von Dr. David­ Pinato­, Studienleiter am Imperial College London, hervorging.2 Laut diesem europäischen Register änderte sich die Prognose für die erkrankten Krebspatienten während der Pandemie. So reduzierte sich die 14-Tage-Fallsterblichkeit – die als Näherungswert für die Coronasterblichkeit diente – in dieser Gruppe von knapp 30 % im Februar/März 2020 bis auf 12,5 % im Zeitraum von Juli bis September 2020. Anfang 2021 lag sie bei 14,5 %.

Erkrankungszeitpunkt als unabhängiger Prognosefaktor

Unter Berücksichtigung mehrerer Variablen mit potenziellem Einfluss auf die Sterblichkeit blieb der Erkrankungszeitpunkt als unabhängiger Prognosefaktor bestehen – übrigens auch für die Drei-Monats-Mortalität, die eher die krebsbedingten Todesfälle abbildet, so Dr. Pinato. Die erste Welle war in diesem Hinblick gefährlicher als die zweite Welle.

Inwiefern mit der Zeit bessere Testkapazitäten, klinisches Management, Medikamente oder auch die Gesundheitspolitik Einfluss hatten, lasse sich aber – wenn überhaupt – retrospektiv nur schlecht ermitteln, gab der Referent zu bedenken. Zumindest deuteten seine Daten aber darauf hin, dass größere Testkapazitäten eine frühere Diagnose der Infektion erleichtern können. Denn zeitgleich zur Abnahme der Sterbefälle registrierten die Forscher einen Anstieg der Testkapazitäten, und auch die Diagnose beschleunigte sich – von etwa drei bis vier Tagen nach Symptombeginn auf zwischenzeitlich nur einen Tag im letzten Quartal 2020.

Langzeitfolgen mit höherem Sterberisiko verbunden

Dr. Pinatos Kollege Dr. Alessio­ Cortellini­, ebenfalls am Imperial College London tätig, lenkte in seinem Vortrag den Blick auf einen weiteren Aspekt, der die Mortalität unter den Krebspatienten erhöhte: die Langzeitfolgen von COVID-19.3 Von den 1.557 Personen aus der OnCovid-Kohorte hatte offenbar fast jeder Siebte nach überstandener Erkrankung damit zu kämpfen. Dies betraf überdurchschnittlich mehr Männer, Menschen ab 65 Jahren, (Ex-)Raucher, Personen mit zwei oder mehr Komorbiditäten sowie schwer an COVID-19 Erkrankte. Nach eingehender Analyse seien die Langzeitfolgen mit einem 76 % höheren Sterberisiko verbunden gewesen, sagte Dr. Cortellini (HR = 1,76, 95%-KI 1,16–2,66, p < 0,0001).

Auch Nachteile für systemische Krebstherapie

Am häufigsten traten respiratorische Beschwerden wie Dyspnoe oder chronischer Husten und Fatigue auf, aber auch Gewichtsverlust oder neurokognitive Defizite. Die Art der Folgebeschwerden schien aber weniger Einfluss auf das Überleben zu haben als die Anzahl der bleibenden Symptome. Problematisch dabei: Die genannten Beschwerden lassen sich eigentlich regelmäßig bei Krebspatienten beobachten, auch ohne SARS-CoV-2-Infektion. Für Dr. Cortellini sprach jedoch die Tatsache, dass die Beschwerden unabhängig von Tumorstadium und -grad auftraten, dafür, dass es sich um Folgen des Virus handelt.

Diese hatten im Übrigen auch häufig Nachteile für die systemische Krebstherapie. So waren knapp 15 % der Patienten, die eine Dosisanpassung benötigten, von Folgeerscheinungen betroffen. In der Gruppe, die ihre Therapie dauerhaft abbrechen musste, lag der Anteil sogar bei 23 %. Die Therapiestopps erfolgten nach Angaben der behandelnden Ärzte überwiegend wegen des schlechten Allgemeinzustands der Patienten während COVID-19, in drei von zehn Fällen wegen voranschreitender Krebserkrankung. Und sie reduzierten die Überlebenswahrscheinlichkeit für die Betroffenen besonders.

Zwar seien die Daten noch als vorläufig zu betrachten, nach aktuellem Stand erhöhte der Abbruch der systemischen Therapie das Sterberisiko allerdings um das 3,5-Fache, so Dr. Cortellini (HR = 3,53, 95%-KI 1,45–8,59, p < 0,0001). Dosisanpassungen schienen dagegen zumindest in diesem Punkt keine negativen Folgen nach sich gezogen zu haben. 

Quellen:
1. Drake T et al. ESMO Congress 2021; Abstract LBA60
2. Pinato DJ et al. ESMO Congress 2021; Abstract 1565MO
3. Cortellini A et al. ESMO Congress 2021; Abstract 1560O_PR
ESMO Congress 2021

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