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In Praxen gemessene Blutdruckwerte stimmen oft nicht

Autor: Dr. Daniela Erhard

Dass Ärzte den Blutdruck ihrer Patienten oft falsch einschätzen, dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. Dass Ärzte den Blutdruck ihrer Patienten oft falsch einschätzen, dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. © iStock/Dean Mitchell
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Mit dem Weißkitteleffekt ist es nicht zu erklären, dass Ärzte den Blutdruck ihrer Patienten in aller Regel falsch einschätzen. Oder jedenfalls nicht so akkurat, wie die Werte in klinischen Studien erhoben werden. Wie könnte man dieses Problem beheben?

Oszillometrisches Messgerät, perfekt sitzende Manschette, der Patient aufrecht sitzend mit beiden Füßen auf dem Boden und fünf Minuten Ausruhzeit, bevor es losgeht: So sieht die ideale Blutdruckmessung aus. Was in Studien Standard ist und gleich dreimal wiederholt wird, um aus den Messwerten einen Mittelwert zu bilden, ist von der Routine im Praxisalltag weit entfernt. Dass Ärzte den Blutdruck ihrer Patienten oft falsch einschätzen, dürfte daher eher die Regel als die Ausnahme sein. Darauf deuten die Ergebnisse einer aktuellen Studie hin.1

Wissenschaftler um Professor Dr. Paul­ Drawz­ von der University of Minnesota in Minneapolis hatten von rund 3000 über 50-jährigen Teilnehmern der SPRINT*-Studie die darin ermittelten systolischen Blutdruckwerte mit denen aus ambulanten Messungen im selben Zeitraum verglichen. Letztere fielen im Mittel höher aus als die Erhebungen unter Idealbedingungen – insbesondere bei Personen, deren systolischer Blutdruck im Bereich um 121 mmHg lag. Im Schnitt wurden bei ihnen in der Praxis über 7 mmHg mehr gemessen. Mit einem Zuviel von mittleren 4,6 mmHg war die Differenz in der Gruppe mit höheren Drücken (um 135 mmHg) dagegen etwas geringer.

Einfach über einen Korrekturfaktor umrechnen lassen sich die Messwerte aber offenbar nicht. Die Abweichungen waren so uneinheitlich, dass die realen und ambulant erhobenen Werte nicht miteinander korrelierten. Sowohl ein Über- als auch Unterschätzen kam häufig vor. Zudem scheint die Diskrepanz bei Frauen höher zu sein als bei Männern, halten die Autoren fest.

Die Patienten zu Hause selbst messen lassen

Die New Yorker Kardiologen Dr. John­ Dodson­ und Professor Dr. Daichi­ Shimbo­, die nicht an der Studie beteiligt waren, sind froh über die Analyse ihrer Kollegen.2 Zeige sie doch, wie schwierig es sei, wissenschaftlich empfohlene Standards im klinischen Alltag umzusetzen. Als mögliche Lösungsansätze schlagen sie zwei Punkte vor: zum einen herausfinden, welche Aspekte beim Blutdruckmessen für möglichst korrekte Werte sorgen – und diese dann in der Praxis berücksichtigen. Zum anderen sollten Patienten regelmäßig selbst Messungen zu Hause durchführen. Denn diese hängen laut den Autoren stärker mit dem kardiovaskulären Outcome zusammen als jene Werte, die in der Praxis erhoben werden.

*Systolic Blood Pressure Intervention Trial

Quellen:
1. Drawz PE et al. JAMA Intern Med 2020; DOI: 10:1001/jamainternmed.2020.5028
2. Dodson JA, Shimbo D. A.a.O.; DOI: 10.1001 jamainternmed.2020.5007