Intensive Nutzung von sozialen Medien und Smartphones gefährdet Jugendliche

Autor: Michael Brendler

Schon 10 Minuten auf Facebook drücken die Stimmung. Schon 10 Minuten auf Facebook drücken die Stimmung. © iStock/ViewApart

In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen in Nordamerika stark zugenommen – parallel zur steigenden Beliebtheit von Smartphones und Social Media. Ein Zufall? Eher nicht.

Die Angst, etwas zu verpassen, hat es inzwischen bis in die medizinische Fachliteratur geschafft. Genau definiert ist die „fear of missing out“ als allgegenwärtige Befürchtung, andere könnten eine bereichernde Erfahrung machen, ohne dass man ein Teil davon ist. 70 % der US-Teenager treiben sich mehrmals am Tag in sozialen Medien herum, jeder fünfte Teenager in der kanadischen Provinz Ontario sogar mehr als fünf Stunden. Das Ganze stets mit dem Risiko, der eigenen Psyche zu schaden, wie Dr. Elia Abi-Jaoude, Department of Psychiatry, Toronto Western Hospital, und Kollegen anhand der akutellen Datenlage veranschaulichen.

Ab zwei Stunden pro Tag leidet die Schlafqualität

Zahlreiche Reviews, Querschnitt- und Längsstudien verknüpfen den Smartphone- und Social-Media-Gebrauch mit psychischen Störungen, selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität, schreiben die Experten. Dabei scheint es eine Dosis- Wirkungs-Beziehung zu geben und Mädchen scheinen stärker betroffen zu sein. Beispielsweise waren Teilnehmerinnen einer randomisierten Untersuchung schlechter gelaunt, nachdem sie 10 Minuten auf Facebook unterwegs waren. Der intensive Gebrauch des sozialen Netzwerkes schränkt einer Befragung zufolge die psychische Gesundheit und die Lebenszufriedenheit ein. Neid oder das Verlangen, sein Aussehen ändern zu wollen, entstehen durch das permanente Vergleichen häufiger.

Tipps zur Aufklärung von Jugendlichen

  • Bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen (und deren Eltern) das Medienverhalten thematisieren.
  • Das Gespräch mit Heranwachsenden sollte offen und unvoreingenommen sein, emotionale Sicherheit und Vertrauen vermitteln sowie die Autonomie des Gegenübers wahren.
  • Jugendliche ermutigen, auch ihren Freunden zu sagen, dass sie die Social-Media-Nutzung zurückfahren.
  • Banal, aber wichtig, um die entstehende „Lücke“ zu füllen: Alternativen zur Online-Kommunikation aufzeigen, wie persönliche Treffen oder Telefonate.
  • Eltern mit einbeziehen, um die Online-Nutzung zu verringern. Mehr als 1–2 h/d in den sozialen Medien scheinen problematisch. Eventuell „bildschirmlose Zeiten“ vereinbaren.
  • Eltern animieren, selbst weniger Zeit am Handy zu verbringen.
  • Zur Schlafhygiene in den 1–2 h vor dem Zubettgehen nicht an Bildschirmen hängen und entsprechende Geräte ganz aus dem Schlafzimmer verbannen.

Die Assoziationen lassen sich problemlos auf die Zeit mit dem Smartphone übertragen. Wer wöchentlich mehrere Stunden mit elektronischen Medien hantiert, neigt dazu, unzufriedener und unglücklicher mit sich selbst zu sein. Bei mindestens zwei Stunden täglich leidet die Schlafqualität. Einigen Studien zufolge sind viele Jugendliche regelrecht süchtig nach ihrem Handy, auch wenn es bislang keine einheitliche Definition für eine solche Sucht gibt.

Die Online-Sucht wurde sogar mit vermehrten Selbstverletzungen und suizidalem Verhalten in Verbindung gebracht. In sozialen Medien finden sich immer wieder verharmlosende und romantisierende Aussagen zu diesen Themen. Dem entgegen stehen aber auch nützliche Kommentare, z.B. zu Hilfsangeboten. Den Gebrauch sozialer Medien zu verbieten, wäre kontraproduktiv, betonen die Autoren. Schließlich gehören digitale Interaktionen zum Alltag und der Onlinezugang hat natürlich ebenso positive Effekte. Viele Teenager bemerken den negativen Einfluss inzwischen übrigens selbst. Laut einer aktuellen Befragung finden 54 %, sie verbringen zu viel Zeit mit dem Smartphone.

Quelle: Abi-Jaoude E et al. CMAJ 2020; 192: E136-E141; DOI: 10.1503/cmaj.190434