Irren ist ärztlich: Falsche Diagnosen beruhen nur selten auf Wissenslücken

Autor: Michael Brendler

Die Hauptursachen für Fehldiagnosen sind die Überinterpretation erster Informationen, die zu schnelle Bestätigung eigener Ansichten und der Zeitdruck unter dem die Ärzte stehen. © fotolia/katy_89

Ärzte müssen oft binnen Sekunden lebenswichtige Entscheidungen treffen. Erfahrungen, Routine und persönliche Vorlieben helfen ihnen dabei. Solche mentalen Abkürzungen können den Kollegen aber auch zum Verhängnis werden.

In Notsituationen zählt jede Sekunde. Verständlich, dass Ärzte die Vor- und Nachteile einer Entscheidung nicht immer bis ins Detail abwägen. Sie verlassen sich auf Erfahrungen oder eingespielte Abläufe – ein Pool für potenzielle Behandlungsfehler. Was passiert, wenn Kollegen bewusst oder unwissentlich wichtige Aspekte missachten, untersuchte ein Team um den Notfallmediziner Dr. Benjamin­ H. Schnapp von der Universität Wisconsin.

Häufigste Denkfehler bei Bauchschmerzen

Sie identifizierten insgesamt 271 Fälle aus einem Zeitraum von acht Monaten, in denen Patienten innerhalb von 72 Stunden zweimal eine New Yorker Notaufnahme aufsuchten. Für die Kollegen galt das als Zeichen eines vorangegangenen Diagnosefehlers. 52 davon schrieben sie ärztlichen „Denkfehlern“ zu. In Anlehnung an bestehende Nomenklatur basierten diese nach Ansicht der Autoren auf vier kognitiven Verzerrungen:

  • Fehler in der Informationsverarbeitung: Bei 45 % hätten die Mediziner z.B. Befunde über- oder unterinterpretiert, Symptome falsch gedeutet oder wichtige Aspekte des Patienten nicht in ihre Diagnose einbezogen.
  • Fehler im Verifikationsprozess: In 31 % der Fälle schlossen sie Differenzialdiagnosen vorschnell aus, zogen keinen Experten hinzu oder prüften Verdachtsdiagnosen nicht ausreichend.
  • Fehler in der Datenerhebung: Probleme beim Erheben wichtiger Informationen, beim Ausführen oder Auswerten der Untersuchungen waren bei 18 % der Patienten zu verzeichnen.
  • Fachliche Wissenslücken: Mit insgesamt 6 % stellte fehlendes Wissen ein vergleichsweise geringes Risiko von Fehldiagnosen dar.

Auffallend häufig lief bei Patienten mit intraabdominalen Beschwerden etwas schief. Die Autoren vermuten, dass sich im Zuge der Symptome u.a. die Ursache viszeraler Schmerzen schlechter identifizieren lasse. Warum aber werden Ärzte so häufig „Opfer“ dieser kognitiven Fallstricke? Dahinter stecke das Bedürfnis, vorbestehende Ansichten zu bestätigen, frühe Informationen überzubewerten oder Fälle möglichst rasch abzuschließen, schreiben die Forscher.

Vom Computer an Alternativen erinnern lassen?

Die geeignete Gegenmaßnahme hängt vom jeweiligen Kontext ab, so Dr. Schnapp und Kollegen weiter. Wie beschrieben, hilft ein Mehr an Wissen nicht in jeder Situation. Eine Möglichkeit, den kognitiven Fallstricken entgegenzusteuern, könnte in sogenannten Cognitive-Forcing-Strategien liegen. Beispielsweise erinnern Pop-up-Einblendungen in der elektronischen Akte die Ärzte daran, an Therapie- und Diagnose­alternativen zu denken.

Quelle: Schnapp BH et al. Diagnosis (Berl) 2018; 5: 143-150