Jeder dritte Erwachsene mit Wirbelsäulendeformität ist psychisch krank

Autor: Dr. Anna-Lena Krause

Ein krummer Rücken kann auch psychisch bedrücken. Ein krummer Rücken kann auch psychisch bedrücken. © mi_viri – stock.adobe.com

Spinale Anomalien beeinträchtigen Betroffene so stark wie manche Krebserkrankung. Die Lebensqualität verbessert sich durch einen operativen Eingriff mehr als durch konservative Therapien. Allerdings kommt es nicht selten zu OP-bedingten Komplikationen.

Wirbelsäulendeformitäten im Erwachsenenalter umfassen eine heterogene Gruppe von Anomalien der lumbalen und throrakolumbalen Wirbelsäule (s. Kasten). Ein bis zwei Drittel der über 65-Jährigen haben einen „krummen Rücken“. Hauptvertreter sind iatrogene Flachrücken-Deformität und degenerative Skoliose, erklären Dr. Bassel­ G. Diebo vom Downstate Medical Center in New York und Kollegen.

Was im Alter schiefgehen kann

  • De-novo-Skoliose (vor allem lumbal, betrifft 6 % der über 50-Jährigen)
  • fortschreitende adoleszente idiopathische Skoliose
  • degenerative Hyperkyphose (bei 20–40 % der Älteren)
  • iatrogene sagittale Deformität (v.a. nach Skoliose-OP)
  • fokale Deformität aufgrund von Bandscheibendegeneration
  • posttraumatische Deformität

Betroffene klagen über leichte bis starke Schmerzen, eingeschränkte Aktivität, Fatigue sowie neurologische Beschwerden. Aber auch die psychische Belastung, die mit einer verkrümmten Wirbelsäule einhergeht, ist nicht zu unterschätzen. In einer Studie mit Patienten, die sich einer Spondylodese unterzogen, litten 37,5 % unter mindestens einer psychischen Begleiterkrankung: 16 % hatten eine Depression, 7 % eine Schlafstörung und ebenso viele eine Angststörung.

Sowohl in der Frontal- als auch in der Sagittalebene röntgen

Bei der körperlichen Untersuchung erfordern Gang und Körperhaltung besonderes Augenmerk. Wichtige Hinweise liefern:
  • Haltung im Stehen
  • Neigung des Stamms
  • Beugung des Körpers
  • Hyper- vs. Hypokyphose
  • Asymmetrien der Schultern gegenüber der Hüfte
  • Hüftextension vs. Hüftbeuge­kontraktur
  • Kniebeugung
  • Dorsalextension des Sprung­gelenks im Stehen
Radiographisch beurteilt man das Skelett des stehenden Patienten sowohl in der Frontal- als auch in der Sagittalebene (inkl. Hüftgelenke und Femurköpfe). Die CT liefert ergänzende Informationen über Facettengelenkarthrose, Spinalkanalstenose, Rotationsdeformität, Pedikeldurchmesser und Wirbelkanal. Per MRT lassen sich Bandscheibendegeneration, Fettinfiltration paraspinaler Muskeln und Obstruktionen der Foramina darstellen. Die konservative Therapie gilt als Erstlinien-Behandlung, obwohl sich mit einem Eingriff deutlich bessere Ergebnisse erzielen lassen, so die Autoren. Trotz der eher dürftigen Evidenz können Sie Ihren Patienten Physio­therapie, oberflächliche Wärme, Dehn­übungen und aerobes Training empfehlen, sofern kein neurologisches Defizit und keine starke Beeinträchtigung besteht. Um die Körpermitte zu stärken, eignen sich angeleitetes Gewichteheben, Fahrradfahren und Wassergymnastik.

Konservative Maßnahmen eher bei leichten Deformitäten

Bei chronischen Erkrankungen der Wirbelsäule können kognitive Verhaltenstherapie, Biofeedback und Akupunktur erwogen werden. Medikamentös kommen NSAR, Antidepressiva und Antikonvulsiva infrage. Der längerfristigen Analgesie dienen epidural injizierte Steroide, Triggerpunkt-Injektionen und die Nervenwurzelblockade. Studien­ergebnisse deuten darauf hin, dass konservative Maßnahmen am ehesten bei leichten Deformitäten zum Erfolg führen. Insgesamt hat sich das chirurgische Vorgehen als wirksamer und kosteneffizienter erwiesen. Die OP-Indikation wird festgemacht an:
  • körperlicher Beeinträchtigung
  • Schmerzen
  • neurologischen Symptomen
  • dokumentierter Progression
  • unwirksamer konservativer Behandlung
In die Entscheidung für oder gegen einen Eingriff sollten zudem die Ansprüche des Patienten an seine Alltagsaktivitäten sowie seine Erwartungen vom Ergebnis einfließen. Je nach Ausmaß der Deformität gibt es verschiedene Optionen. Sie reichen von der partiellen Entfernung eines Facettengelenks bis hin zur Resektion mehrerer Bandscheiben und Wirbel. Den Nutzen minimalinvasiver Verfahren gilt es noch zu untersuchen. Patienten, deren Wirbelsäule gerichtet wurde, haben eine bessere gesundheitsbezogene Lebensqualität. Zudem bauen sie weniger stark ab als Nicht-Operierte. Die Angaben zu den Komplikations­raten schwanken zwischen 13 % und 40 %. Am häufigsten treten Verletzungen der Dura, Implantatkomplikationen, Wundinfektionen und neurologische Defizite auf. Des Weiteren kann es zu proximal-junktionaler Kyphose und Pseudarthrosen kommen. Bei jedem Sechsten mit operativ gerichteter Wirbelsäule erfolgt innerhalb von drei Monaten ein erneuter Eingriff. 

Quelle: Diebo BG et al. Lancet 2019; 394: 160-172; doi: doi.org/10.1016/S0140-6736(19)31125-0