Anzeige

Gestörte Hypoglykämie-Wahrnehmung (K)ein Gefühl von Dringlichkeit

Autor: Antje Thiel

Vor allem Kindern und Jugendlichen fällt die 
Wahrnehmung von Warnsignalen oft schwer. Vor allem Kindern und Jugendlichen fällt die Wahrnehmung von Warnsignalen oft schwer. © iStock/dmphoto
Anzeige

Mit jeder Unterzuckerung verschlechtert sich die hormonelle Gegenregulation und das kritische Zeitfenster wird schmaler, in dem man eigenständig reagieren kann. Die tatsächliche Wahrnehmung niedriger Glukosewerte erfordert allerdings die Bereitschaft, auch auf typische Anzeichen zu achten.

Diabetespatienten mit einer gesunden Hypoglykämie-Wahrnehmung nehmen ab einem Glukosewert von 80 oder 90 mg/dl erste subtile neurologische Symptome wahr. Sinkt der Wert auf 60–70 mg/dl, setzt die hormonelle Gegenregulation ein. Zwischen 50 und 60 mg/dl zeigen sich adrenerge Symptome, unter einem Wert von 50 mg/dl wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Glukose versorgt – auf eine funktionierende Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle ist also kein Verlass mehr. Rutscht der Glukosewert unter 30 mg/dl, kann es zu Bewusstlosigkeit und Konvulsion kommen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist fremde Hilfe zwingend erforderlich.

Viele Hypoglykämien verlaufen unbemerkt. Sie werden verschlafen, nicht wahrgenommen und scheinen keine große Rolle zu spielen“, erläuterte der Psychologe Béla­ Bartos­ von der Kinderklinik St. Gallen. Häufige Unterzuckerungen vermindern jedoch adrenerge, also auf (Nor-)Adrenalin beruhende, Symptomreaktionen und schränken die Glukoneogenese ein. Somit verkürzt sich das kritische Zeitfenster, in dem man die Glukosewerte von allein wieder in einen unkritischen Bereich bringen kann. „Damit verändert sich auch das Verhalten: Wenn Symptome fehlen, empfindet man keine Dringlichkeit“, betonte Bartos.

Gruppenschulungen und Einzelgespräche

Vor allem Kinder und Jugendliche hätten oft Schwierigkeiten, ihren aktuellen Blutzuckerwert zutreffend zu schätzen. Daher sollten sie üben, spezielle körperliche Befindlichkeiten und wechselnde Veränderungen in Verhalten, Denken und Fühlen als mögliche Anzeichen einer Hypoglyk­ämie zu erkennen, riet der Psychologe. Ein guter Rahmen hierfür seien sogenannte Hypoglyk­ämie-Wahrnehmungstrainings. Diese finden in altershomogenen Kleingruppen von fünf bis sieben Kindern statt und werden in die Patientenschulung integriert.

Anders sieht es aus, wenn psychische Ursachen hinter den schweren Unterzuckerungen stecken. „Die Bereitschaft, auf Symptome zu achten, ist wichtig für die tatsächliche Wahrnehmung. Diese hängt auch davon ab, ob man die Erkrankung akzeptiert. Manchmal werden Anzeichen zwar erkannt, aber nicht gleich behandelt. Oder sie werden gespürt, aber situativ zurechtgedacht.“

Manche Kinder reagieren nicht auf mildere Anzeichen, sondern warten auf deutlichere Symptome. Hinter diesem „Hypo-Surfen“ könne die Erwartung auf einen Vorteil stecken, meinte Bartos, zum Beispiel mehr Aufmerksamkeit zu bekommen oder „außerhalb der Reihe“ zu naschen. „In diesen Fällen hilft weniger eine Gruppenschulung, sondern eher das Einzelgespräch“, erklärte er.

Ein weiterer Grund könne eine übersteigerte Angst vor hohen Glukosewerten und dem damit verbundenen Risiko für Folgeerkrankungen sein, sagte Professor Dr. Pratik­ Choudhary­ von der University of Leicester. „Wenn ich meine Zuckerwerte nicht niedrig halte, werde ich an Folgeerkrankungen sterben. Für manche Menschen mit Diabetes ist das der dominante Leitsatz, der natürlich auch ihren Umgang mit Hypoglyk­ämien beeinflusst.“

„Technik führt unmittelbar zur Verhaltensänderung“

Moderne Technik kann dazu beitragen, dass es seltener zu kritischen Unterzuckerungen und damit zu Störungen der Hypoglykämie-Wahrnehmung kommt. Davon zeigte sich Dr. Torben­ Biester­ vom Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover überzeugt. Bereits Systeme zur sensorunterstützten Pumpentherapie mit automatischer Abschaltung bei niedrigen Glukosewerten könnten die Hypoglyk­ämierate deutlich senken. Auch in den verfügbaren Studien mit AID-Systemen sinke die Time below Range (TbR). „Wir haben hier eine effektive Technik, um die Zahl der Hypoglykämien zu reduzieren, ob diese nun bemerkt werden oder nicht“, betonte Dr. Biester. Der Einsatz von Diabetestechnik könne zudem die Wahrnehmung von Hypoglyk­ämien verbessern, erklärte der Referent mit Blick auf die HypoComPaSS-Studie an Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes und eingeschränkter Hypoglykämie-Wahrnehmung. Diese erfuhren über sechs Monate eine intensive Begleitung und Schulung, wie sie schwere Unterzuckerungen vermeiden. Eine Subgruppe erhielt einen hyperinsulin­ämisch-hypoglykämen Clamp und zeigte tatsächlich eine frühere und höhere hormonelle Antwort als vor der Intervention. Ähnliche Ergebnisse erbrachte die HypoDE-Studie: Im Vergleich zu den Teilnehmenden, die eine konventionelle Blutzuckermessung durchführten, hatten die mit rtCGM (kontinuierliche interstitielle Glukosemessung mit Real-Time-Messgeräten) seltenere und leichtere Ereignisse. Zudem verbrachten sie insgesamt weniger Zeit im hypoglykämischen Bereich und nahmen früher „Notfallkohlenhydrate“ ein. „Ein technisches System führt unmittelbar zur Verhaltensänderung“, schloss Dr. Biester.

Dabei gehe aus verschiedenen Studien hervor, dass bereits bei einer Time in Range (TiR) von um die 70 % das Risiko für Folgeerkrankungen nicht mehr erhöht ist. „Die Jagd nach 100 % TiR, wie sie in den sozialen Medien oft stattfindet, kann man jedenfalls nicht mit dem Vermeiden von Folgeerkrankungen rechtfertigen“, erklärte Prof. Choudhary. Er plädierte dafür, Interventionen zur Verbesserung der Hypoglyk­ämie-Wahrnehmung auf den drei Säulen Aufklärung, Psychologie und Technologie aufzubauen. „Dabei kann man Informationsdefizite beseitigen, aber auch trainieren, hinderliche Gedanken und Verhaltensweisen zu erkennen und zu vermeiden.“

Kongressbericht: JA-PED 2021

Anzeige