Kopfschmerz: Wann die Überweisung zum Spezialisten lebensnotwendig ist

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Es gibt Rote Flaggen, bei denen man dringend in eine Klinik überwiesen werden sollte. © iStock/shironosov

Wenn Sie jeden Kopfschmerzpatienten zwecks Ursachenforschung zum Neurologen, Orthopäden oder Radiologen schicken, kostet das nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit. In manchen Fällen ist die Überweisung aber lebensnotwendig.

Bei mindesten 99 von 100 Patienten mit Kopfschmerzen steckt keine lebensbedrohliche Krankheit dahinter, erklären Dr. Solveig Carmienke vom Institut für Allgemeinmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Professor Dr. Dagny Holle-Lee vom Westdeutschen Kopfschmerzzentrum und Schwindelzentrum in der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen.

Anamnese ist der wichtigste Wegweiser

Zu den primären Formen, wie sie die Internationale Kopfschmerzgesellschaft klassifiziert, zählen vor allem Spannungskopfschmerzen und Migräne, seltener trigemino-autonome Kopfschmerzen, z.B. die klassische Trigeminusneuralgie. Bei sekundä­ren Formen dagegen stellen die Kopfschmerzen nur eines von mehreren Symptomen dar, deren Ursache man auf den Grund gehen muss.

Für das weitere Vorgehen ist die Anamnese der wichtigste Weg­weiser, betonen die Autorinnen. Vor allem, wenn Kopfschmerzen einen Patienten das erste Mal in die Praxis führen. Fragen Sie unter anderem nach:

  • Beginn der Schmerzen (akut oder allmählich?)
  • Intensität (vernichtend?)
  • Lokalisation (frontal, okzipital/nuchal, ein- oder beidseitig?)
  • auslösenden Aktivitäten (Sport, Pressmanöver?)

Damit erkennen Sie schon die meis­ten Patienten mit ernsten Ursachen, die körperliche Untersuchung und der orientierende neurologische Check erledigen oft den Rest.

Wann nun müssen Sie hellhörig werden und Betroffene sofort in die Klinik schicken? Die beiden Expertinnen nennen dazu eine Reihe von Alarmzeichen („red flags“, s. Tabelle). Scheuen Sie sich auch nicht davor, den Notarzt anzufordern, wenn Sie Bedenken haben, dass der Zustand des Kranken sich während des Transports akut verschlechtern kann.

Sofort einweisen!
Art/Begleitsymptome der Schmerzen
Differenzialdiagnose(n)
Donnerschlagkopfschmerz: plötzlicher Beginn, maximale Intensität, meist okzipital/nuchal, ggf. mit neurologischen AusfällenSubarachnoidalblutung
Kopfschmerzen mit Fieber und Meningismus, ggf. weitere neurologische Ausfälle Meningitis, Hirnabszess

Kopfschmerzen mit auffälligen neurologischen Befunden, z.B.

  • fokale Ausfälle (motorisch und/oder sensibel)
  • erstmalige epileptische Krampfanfälle
  • plötzliche aufgetretene Sehstörungen
  • plötzlich aufgetretener eingetrübter Bewusstseinszustand
Hirnblutung (subarachnoidal, intrazerebral), Sinusvenenthrombose, arterielle Dissek­tion, ischämischer Schlaganfall, Malignom etc.
Kopfschmerzen in Kombination mit gerötetem Auge, extrem hartem Bulbus und weiter, lichtstarrer Pupille akuter Winkelblock (früher: akuter Glaukomanfall)


Red flags, bei denen Patienten dringend, also binnen 24 Stunden, in die Klinik sollten, lauten:

  • Verdacht auf Arteriitis temporalis
  • atypische Migräne oder verlängerte Aura
  • begleitende Verhaltensänderung
  • begleitende relevante Systemerkrankung (Immunsuppression, Krebs, HIV)
  • zusätzlich Erbrechen ohne andere Ursache

Warnzeichen („yellow flags“) sprechen dagegen für eine Ursache, für deren Abklärung etwas mehr Zeit bleibt. Beispiele umfassen einen Infekt der oberen Atemwege, Hypothyreose, zervikogene Schmerzen, Kopfschmerzen bei Medikamentenübergebrauch (oft frei verkäufliche, koffeinhaltige Analgetika-Mischpräparate), lageabhängige Kopfschmerzen oder auffällige Befunde bei der Untersuchung von Kiefer/Zähnen, Augen oder Nebenhöhlen.

Kopfschmerztagebuch über mindestens vier Wochen

Je nach Anamnese und Befund sind Blutsenkung, Blutzucker, Nierenwerte und Schilddrüsenhormone sinnvolle Laborparameter. Bei immer wieder auftretenden Symptomen, die sich auch nach ausführlichem Durchchecken nicht zuordnen lassen, können sie Ihrem Patienten empfehlen, mindestens vier Wochen lang ein „Kopfschmerztagebuch“ zu führen. Damit finden Sie möglicherweise auslösende Faktoren, an denen man ansetzen kann. 

Quelle: Carmienke S, Holle-Lee D. Dtsch Med Wochenschr 2019; 144: 651-658