Kratom: Nahrungsergänzungsmittel mit lebensgefährlichen Nebenwirkungen

Autor: Michael Brendler

Harmloses Nahrungsergänzungsmittel oder doch gefährliche Substanz? In Deutschland ist die Entscheidung bislang noch nicht getroffen worden. © iStock/SomchaiChoosiri

Kratom stimuliert Opioid-Rezeptoren, wirkt schmerzlindernd und sedierend, wird in Deutschland aber als Nahrungsergänzungsmittel gehandelt. Verbraucherschützer finden das besorgniserregend, da in den USA bereits Todesfälle und Suchtprobleme aufgetreten sind.

Die Blätter des Kratombaums nutzte man in Ostasien bereits gegen Fieber, Durchfall, Schmerzen und als Aphrodisiakum. Das machte geschäftstüchtige Menschen hellhörig: Im Internet wird Mitragyna speciosa zusätzlich auch als Wundermittel, das die Schlafqualität verbessern sowie bei Depressionen und Opiatentzug helfen soll, angepriesen. Auch auf die euphorisierende Wirkung verweisen Verkäufer gerne.

Was von den Versprechen der Anbieter zu halten ist, haben Wissenschaftler aus Portugal und Buenos Aires geprüft. Zwar habe Mitragyna speciosa ein interessantes medizinisches Wirkspektrum, z.B. antinozizeptiv, entzündungshemmend und antidepressiv. „Aber es fehlt immer noch die ausreichende Evidenz für eine klinische Anwendung.“

Studien zu den von den Händlern beworbenen Einsatzgebieten gibt es folglich nicht, betont die Verbraucherzentrale. Allerdings hat das dem Aufstieg des Produkts nicht geschadet. Wenige psychoaktive Substanzen erzielen im Internet ähnliche Verkaufszahlen. Genaue Daten über den Konsum fehlen. Anhand einer Erhebung der US-Bundesbehörde CDC* lässt sich aber eine Tendenz erkennen: Allein in der ersten Hälfte 2018 gab es bezüglich Kratom 357 Anrufe bei den Vergiftungszentralen – rund zwanzigmal mehr als sieben Jahre zuvor. Zusätzlich haben sie bisher 91 potenzielle Todesfälle erfasst.

Obwohl es gegen Entzugserscheinungen helfen soll, zeigen moderate bis starke Kratom-Konsumenten regelmäßig selbst Entzugserscheinungen. Als Agonist an den Opiatrezeptoren besitzt das „Herbal Speed“, wie es auch genannt wird, in höheren Dosen opioidähnliche Nebenwirkungen. Überdosierungen (> 15 g) können ähnliche Symptome wie ein Opioid-Toxidrom auslösen. Gegen Benommenheit und Atemdepression wird in diesen Fällen Naloxon empfohlen. Das Problem: Kratom wird von den üblichen Drogen-Urintests nicht erkannt.

Auch bei geringeren Dosierungen kann es zu Verstopfungen, Leberschäden, Krampfanfällen, Halluzinationen und Verwirrtheit kommen. Nimmt der Patient gleichzeitig andere Medikamente ein oder konsumiert Alkohol und Koffein, erhöht sich das Risiko für schwere Nebenwirkungen bis hin zum Tod.

Ein weiteres Problem ist, dass die online angebotenen Präparate nicht reguliert sind, verschiedenste Pflanzenalkaloide enthalten und in einigen Fällen mit Nickel oder Salmonellen verunreinigt waren. Seit 2010 vertagt der BfArM-Sachverständigenausschuss die Entscheidung darüber, ob Kratom als Betäubungsmittel klassifiziert wird. Folglich bezeichnen es die einen als Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel – die anderen handeln mit „ethnobotanischem Anschauungsmaterial“. Die Schweiz, Großbritannien und Dänemark waren rigoroser und haben es auf die Liste der zu kontrollierenden Substanzen gesetzt.

*Centers for Disease Control and Prevention

1. Sanderson M, Rowe A. CMAJ 2019; 191: E1105; DOI: doi.org/10.1503/cmaj.190470
2. Meireles V et al. Medicines 2019; 6: pii: E35; DOI: doi.org/10.3390/medicines6010035
3. www.medwatch.de
4. Pressemitteilung Verbraucherzentrale