Lungenkrebs: Ältere Patienten nicht in Ruhe lassen

Autor: Dr. Katharina Arnheim

Gibt es einen therapeutischen Nachholbedarf bei Patienten über 65 Jahre? © iStock/Toa55

Durch die steigen­de Lebenserwartung nimmt die Zahl älterer Patienten stetig zu – auch beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (­NSCLC). Tendenziell werden ältere Lungenkrebspatienten aber eher schlechter behandelt, zeigt eine Analyse.

Für die zunehmende Bedeutung älterer Patienten mit Lungenkarzinomen spricht eine Analyse von fast 7100 Patienten, die zwischen 2001 und 2015 im Lungenkrebszentrum der Evangelischen Lungenklinik Berlin behandelt wurden.1 Im Median waren diese Patienten 67,8 Jahre alt. Doch fiel im Untersuchungszeitraum ein deutlicher Anstieg des Erkrankungsalters auf: Zu Beginn der Analyse im Jahr 2001 waren die Patienten median 67,3 Jahre alt, zehn Jahre später bereits median 69,3 Jahre. Bis 2015 stieg das Erkrankungsalter weiter auf median 69,7 Jahre. Diese Zahlen bestätigen den Trend der bundesweiten Daten des Robert Koch-Instituts, betonte Dr. Antje Tessmer, Klinik für Pneumologie, Evangelische Lungenklinik Berlin.

Entsprechend nahm auch der Anteil über 75-jähriger bzw. über 80-jähriger Patienten im Laufe der Zeit zu: Patienten der ersten Gruppe stellten 2001 nur 11,5 %, 2015 aber bereits 26,7 % des Gesamtkollektivs und damit ein gutes Viertel aller Patienten des Zentrums. Der Anteil der ≥ 80-Jährigen verdreifachte sich in diesem Zeitraum sogar von 3,4 % im Jahr 2001 auf 9,6 % bis 2015.

Dr. Tessmer wies darauf hin, dass ältere Krebspatienten eine besondere therapeutische Herausforderung darstellen. Denn bei ihnen sind Komorbiditäten und eine dadurch bedingte Polymedikation häufig. Außerdem sind physiologische Organveränderungen und geriatrische Syndrome zu berücksichtigen. Dr. Tessmer plädierte daher in dieser Gruppe für ein geriatrisches Assessment vor Therapiebeginn, wie es auch von Fachgesellschaften empfohlen wird.

Keine gravierende Unterversorgung

Eine gravierende Unterversorgung älterer Lungenkrebspatienten in Deutschland ist laut einer Analyse von Krankenversicherungsdaten nicht festzustellen.2 Doch weist die Auswertung von mehr als 13 000 Patienten auf einen Altersgradienten in der Versorgung hin. Ein gutes Drittel der Patienten (34,6 %) war unter 65 Jahre alt; sie wurden als „Non-Elderly“ klassifiziert. 39 % gehörten zu der Gruppe der jungen Alten; sie waren zwischen 65 und 74 Jahre alt. Ein knappes Viertel im Alter zwischen 75 und 84 Jahren wurde der mittelalten Gruppe zugeteilt. Die Gruppe der alten Alten (≥ 85 Jahre) war mit einem Anteil von nur 2,9 % klein.

Im Vergleich zu den Non-Elderly hatten Patienten aller älteren Subgruppen eine geringere Chance auf eine strukturierte palliative Versorgung, berichtete Julia Walter vom Helmholtz Zentrum in München. Auch war die Wahrscheinlichkeit für eine ambulante Versorgung mit Opioiden und Antidepressiva bei den Älteren niedriger. Bei den spezifischen Tumortherapien, d.h. bei der antineoplastischen und der Strahlentherapie, war die Versorgung in den älteren Subgruppen sogar signifikant geringer als bei den Non-Elderly – ein Ergebnis, das mit zunehmendem Alter immer stärker ausfiel. Auch Operationen wurden in den älteren Subgruppen seltener durchgeführt als bei der Referenzgruppe der Non-Elderly.

Aus den Untersuchungsergebnissen kann nicht direkt geschlossen werden, dass ältere Patienten untertherapiert werden, resümierte die Arbeitsgruppe um Walter. Sorge bereite allerdings die Tatsache, dass der festgestellte Altersgradient in der Versorgung bereits früh, nämlich ab dem 65. Lebensjahr, manifest wird.

Quellen:
1. Tessmer A et al. Pneumologie 2018; 72: Abstract P166
2. Walter J et al. Pneumologie 2018; 72: Abstract P176
59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie 2018