Mikrobiologe bei Harnwegsinfekten oft unverzichtbarer Ansprechpartner

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Bei schwangeren Patientinnen sollte trotz eines unkomplizierten Infekts eine Kultur von der Urinprobe angefordert werden. © iStock/someone25

Jede zweite Frau erkrankt mindestens einmal an einem Harnwegsinfekt. Häufig genügt die typische Anamnese für die Dia­gnose, aber gelegentlich sind weitere mikrobiologische Untersuchungen nötig. Die Labor-Kollegen freuen sich dann auch über klinische Angaben.

Wenn eine junge, ansonsten gesunde Frau über starken Harndrang, Schmerzen beim Wasserlassen und Pollakisurie klagt, liegt der Verdacht auf einen Harnwegsinfekt nahe, schreiben Professor Dr. Sören Schubert vom Max von Pettenkofer-Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und Professor Dr. Florian Wagenlehner von der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie des Universitätsklinikums Gießen/Marburg­.

In der hektischen Sprechstunde unterstützen und Zeit sparen können spezifische Fragebogen, z.B. der Acute Cystitis Symptom Score (ACSS). Findet sich nun bei der körperlichen Untersuchung kein Hinweis auf Komplikationen, z.B. Fieber, vaginale Probleme oder Klopfschmerz über der Niere, können Sie eigentlich ohne weitere Diagnostik mit ziemlicher Sicherheit von einer unkomplizierten akuten Zystitis ausgehen. Herrscht Unklarheit bei der klinischen Symptomatik, sind für den Anfang Teststäbchen eine hilfreiche Erfindung­.

Enterokokken lassen sich über Nitrit nicht entlarven

Urinteststreifen sagen Ihnen meist zuverlässig, ob Leukozyten vorhanden sind. Nitrit lässt sich zwar auch aufspüren – aber das ist ein eher schwächlicher Ersatz für den Nachweis von Bakterien. Und „nitrit-positiv“ sagt nur etwas aus über Keime, die aus dem Nitrat im Urin tatsächlich Nitrit bilden – das tun bei Weitem nicht alle, warnen die Experten. Enterokokken oder Pseudomonas aeruginosa, die gerade bei rezidivierenden Infekten häufig sind, lassen sich damit nicht entdecken­.

Haben Sie die Patientin bereits mehrfach wegen ähnlicher Beschwerden behandelt, ist der in diesem Fall rezidivierende Infekt nicht mehr unkompliziert. In der Sonographie finden sich womöglich anatomische Auffälligkeiten, die Rezidive begünstigen, beispielsweise Obstruktionen. Geschallt werden sollte auch bei Verdacht auf Pyelonephritis. Eine zusätzliche Urinuntersuchung sichert dann die Schuldigen.

Praktisch, aber fehleranfällig

Die Verwendung vorgefertigter Eintauchnährböden zum Versand der Urinproben sehen die Fachleute kritisch: Bei verschiedenen Erregern lässt sich der wesentliche „Leitkeim“ oft nicht mehr differenzieren und Mikroorganismen mit höheren Nährstoffansprüchen gehen darin unter. Am sinnvollsten ist der Versand von nativem Urin innerhalb von zwei Stunden nach der Miktion. Da das in der Praxis oft kaum machbar ist, kann die Probe bei 2–8 °C bis zu 24 Stunden zwischengelagert werden.

Geringe Erregerzahlen mitunter ebenfalls relevant

Hier tritt der Kollege aus dem mikrobiologischen Labor auf den Plan. Ihm sollten Sie eine Urinprobe zukommen lassen und fragen, ob und gegebenenfalls welche Mikro­organismen in der Probe nachweisbar sind. Sind Keime vorhanden, bitten Sie auch um ein Antibiogramm. Indikatoren für eine Urinkultur sind neben unklaren Abdominalbeschwerden:

  • rezidivierende Infekte (min. drei innerhalb der letzten zwölf Monate)
  • komplizierte Harnwegsinfekte bei anatomischen oder funktionellen Erkrankungen, beispielsweise neurogenen Blasenentleerungsstörungen, Zystozele oder Blasen-Dauerkatheter
  • Immunsuppression
  • Pyelonephritis
  • Infektion durch einen „Krankenhauskeim“

Im Bericht erwähnt werden meist nur Erreger, deren Zahl einen bestimmten Grenzwert überschreitet. Gelegentlich können aber auch geringere Werte relevant sein: Wenn z.B. die Patientin schon vorsorglich übrig gebliebene Antibiotika-Reste vom letzten Mal geschluckt hat, kann die Vermehrung der Erreger im Urin teilweise gehemmt sein, ohne dass der Infekt adäquat behandelt wäre. Grundsätzlich freut sich der Mikrobiologe übrigens (fast) immer über wichtige klinische Angaben wie Anamnese, Symptome, Begleit­erkrankungen und eingenommene Medikamente.

Bei Schwangeren sofort eine Kultur anfordern

Handelt es sich um eine Frau nach der Menopause, mit gut eingestelltem Diabetes oder eine Schwangere, gelten im Allgemeinen die gleichen Prinzipien für die Diagnostik. Bei Schwangeren schicken Sie aber am besten auch bei unkompliziertem Infekt sofort eine Urinprobe zur Kultur ein, um z.B. bei einer Risikoschwangerschaft eine asymptomatische Bakteriurie ausschließen zu können.

Quelle: Schubert S, Wagenlehner F. internistische praxis 2019; 60: 405–416