Minipubertät des Säuglings steuert Hirnreifung und Sprachentwicklung

Autor: Dr. Alexandra Bischoff

Bereits zwischen der 10. und 24. Schwangerschaftswoche steigt in utero der Testosteron- bzw. Estradiolspiegel. Bereits zwischen der 10. und 24. Schwangerschaftswoche steigt in utero der Testosteron- bzw. Estradiolspiegel. © iStock.com/Leptospira

Die Pubertät beginnt bereits im Mutterleib. Und kaum ist das Kind auf der Welt, kommt es zu einem weiteren Ansturm der Sexualhormone, der den Säugling gleich in mehrfacher Hinsicht prägt. Denn Testosteron und Estradiol beeinflussen nicht nur die Geschlechtsentwicklung, sondern auch Spielverhalten, Sprache und räumliches Denken.

Im Laufe unseres Lebens kommt es dreimal zu einer spezifischen Aktivierung der Sexualhormonproduktion in den Gonaden, beschreibt Professor Dr. Volker Hesse­, Leiter des Deutschen Zentrums für Wachstum, Entwicklung und Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter, Berlin. Die erste endokrine Pubertät findet bereits im Mutterleib zwischen der 10. und 24. Schwangerschaftswoche statt. Dabei steigen Testosteron- und Estradiolspiegel an, was sich auf Hirnreifung und frühe Sprachentwicklung auswirkt. So weisen pränatale Testosteronwerte eine inverse Korrelation zum Wortschatz im Alter von 18–24 Monaten auf.

Die drei „Pubertäten“

  1. intrauterin: 10.–24. Schwangerschaftswoche
  2. postnatal: 1.–6. Lebensmonat; Testosteron-Peak bei Jungen im 2.–3. Lebensmonat; Estradiol-Peak bei Mädchen und Jungen im 1. Lebensmonat
  3. klassisch („kanonisch“): Mädchen: 8–13 Jahre; Jungen: 9–14 Jahre

Mit acht Wochen schon Testosteronwerte wie ein Mann

Im ersten Lebenshalbjahr kommt es zu einer weiteren Aktivierung des endokrinen Hypothalamus-Hypophyse-Geschlechtsdrüsen-Regelkreises, der sogenannten Minipubertät. Jungen im Alter von acht Wochen weisen eine 15-fach höhere Testosteronkonzentration im Serum auf als gleichaltrige Mädchen. Einige der Knaben erreichen sogar den Normbereich eines fertilen Mannes. Bisher wurde die postnatale Sexualhormonerhöhung häufig allein in Zusammenhang mit der späteren Reproduktionsfunktion gesehen. Neueren Erkenntnissen zufolge handelt es sich jedoch zugleich um eine essenzielle Prägungsphase der Organisation und Entwicklung des Gehirns, die in beiden Geschlechtern unterschiedlich abläuft.

Genitalien

Die Minipubertät beeinflusst die Entwicklung der Hoden, die Spermatogenese und das Peniswachstum, das mit der Testosteronkonzentration im Serum korreliert. Bleibt die gesteigerte Testosteronsynthese aus, entwickelt sich ein Mikropenis. Bei Mädchen bewirkt der Estradiolanstieg ein Wachstum des Uterus sowie der Mammae.

Körperwachstum

Der Testosteronanstieg in den ers­ten Lebensmonaten beeinflusst bei Jungen das Körpergewicht, die Körpergröße, den Kopfumfang und die Hautfettfalten in negativer Korrelation. Hohe Estradiolkonzentrationen bei männlichen Säuglingen scheinen einen negativen Einfluss auf ossäre Größen zu haben.

Sprachentwicklung

Hirnphysiologische Untersuchungen im Rahmen der GLAD*-Studie geben Hinweise darauf, dass Testosteron bereits im Säuglings­alter die sprachspezifische Hirnorganisation wie beispielsweise die differente Verarbeitung akustischer Reize beeinflusst. Mädchen im Alter von vier Wochen mit niedrigen Testosteron- und höheren Estradiolwerten verfügten über eine deutliche bilaterale phonologische Diskriminationsfähigkeit für verschiedene Silbenstimuli, während sich bei den Jungen desselben Alters mit niedrigen Tes­tosteronspiegeln eine linkslaterale Diskriminierung nachweisen ließ.

Geschlechts­typisches Spielverhalten

Die Testosteronkonzentration bei Jungen im Alter von drei bis vier Monaten hängt laut der GLAD-Studie mit dem geschlechtstypischen Verhalten zusammen. Während Jungs bewegtes Spielzeug wie beispielsweise Autos bevorzugen, wenden sich Mädchen eher Puppen zu. Bei männlichen Säuglingen scheinen die Testosteronwerte zudem die Entwicklung der emotionalen Regulation, besonders des Temperaments, zu beeinflussen.

Visuell-räumliches System

Die Höhe der Androgenwerte im dritten und vierten Lebensmonat korreliert offenbar mit der visuellen Vorliebe für typisch männliche Stimuli, etwa beim Spielzeug. Ein deutlich erhöhter Testosteronspiegel in der Minipubertät scheint bei Jungs einen Organisationseffekt hinsichtlich der Raumvorstellungsfähigkeit zu haben.

*German language development

Quelle: Hesse V. Kinder- und Jugendarzt 2018; 49: 790-795