Mit ruhiger und tiefer Stimme aggressive Situationen deeskalieren

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Wie lassen sich gefährliche Situationen entschärfen? © iStock.com/BernardaSv

In nur einem Jahr sind 10 % der Allgemeinärzte Opfer von schwerer Gewalt durch Patienten geworden. 73 % erlebten leichte bis mittelschwere Aggressionen. Diese Tipps helfen dabei, gefährliche Situationen zu entschärfen.

Viele Regeln, der Verlust von Autonomie und unterschiedliche Charaktere auf engstem Raum: Das stationäre Setting bietet einen idealen Nährboden für Aggressionen. Hinzu kommen medizinische und psychische Faktoren, die das Risiko für Gewalt erhöhen. Organische Störungen wie Demenz und Delir, Wesensveränderung im Zuge diffuser oder fokaler zerebraler Schädigungen, akute Psychosen, Manien, Belastungsreaktionen oder die Einnahme von Antipsychotika und Substanzintoxikation sind nur einige davon, erklärte die Psychiaterin Professor Dr. Daniela Roesch-Ely, Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Jüngere Mitarbeiter werden häufiger zu Opfern

Bei Aggressionen gegen Ärzte handelt es sich keineswegs um Randphänomene, wie Zahlen im ambulanten und stationären Bereich zeigen. 56 % der befragten Kollegen in psychiatrischen Einrichtungen gaben an, während der letzten zwölf Monate physische Gewalt von Bewohnern erlebt zu haben. 78 % berichteten von verbalen Aggressionen. Eine Befragung von Allgemeinmedizinern legte offen, dass 73 % innerhalb der letzten zwölf Monate leichte bis mittelschwere Gewalterfahrungen machen mussten. Einer von zehn erlebte gar schwere Aggressionen von Patienten.

In einer prospektiven Untersuchung aus Münster wurde vor einigen Jahren die Situation an deutschen Psychiatrien beleuchtet. Innerhalb von sechs Monaten zählte man 155 Übergriffe, in die 170 Mitarbeiter verwickelt waren. Die Taten gingen überwiegend von Patienten mit schizophrener Psychose, Altersdemenz und geistiger Behinderung aus. Jüngere Mitarbeiter wurden häufiger zu Opfern als ältere. Etwa 5 % der Betroffenen entwickelten in der Folge eine Arbeitsunfähigkeit und 14 % zeigten eine psychische Belastungsreaktion. Um das zu vermeiden, brauchen sie umfassende Unterstützung, erklärte Prof. Roesch-Ely.

Bewusst atmen und Unbeteiligte wegschicken

Vor den Übergriffen sind fast immer Signale zu erkennen, die auf eine drohende Eskalation hinweisen, z.B.:

  • lautes Sprechen,
  • anhaltender Blickkontakt,
  • zunehmende motorische Unruhe,
  • gesteigerte Atemfrequenz.

Ob eine aggressive Emotion in Gewalt mündet, hängt laut Prof. Roesch­-Ely entscheidend davon ab, wie man sich dem Patienten gegenüber verhält.

Ein gezieltes psychiatrisches Kommunikations- und Interaktionstraining kann helfen, Eskalationen einzudämmen. Zunächst ist es wichtig, sich selbst zu beruhigen, indem man etwa bewusst auf seine Atmung achtet. Unbeteiligte sollten den Ort verlassen.

Dominanz vermeiden, weder ermahnen noch drohen

Es ist besser, wenn der aggressiven Person nur ein Ansprechpartner gegenübertritt und sie nicht durch Konfrontation mit einer Gruppe unter Druck gesetzt wird. Keinesfalls darf man die eigene Sicherheit vergessen! Die Referentin riet, gegebenenfalls einen Kollegen zu alarmieren, der im Notfall eingreifen kann. Im Gespräch mit dem Patienten sollte man Dominanz und Hektik vermeiden, mit klarer, ruhiger und möglichst tiefer Stimme sprechen und dabei immer wieder kurz Augenkontakt herstellen. Wichtig ist, sich nicht provozieren zu lassen. „Vermeiden Sie Ihrerseits Gegenprovokationen und Angriffe, ermahnen und drohen Sie dem Patienten nicht“, sagte Prof. Roesch-Ely. Wenn es gelingt, einen Kontakt aufzubauen, lässt sich meist auch ein Kompromiss finden.

Quelle: DGPPN* Kongress 2018

*Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde