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Mögliches Potenzial pflanzlicher Komponenten in der Diabetestherapie

Interview Autor: Dr. Kerstin Tillmann

Das Harz des Weihrauchbaums enthält eine Reihe aktiver Wirkstoffe, weiß Prof. Dr. Hermann P.T. Ammon (Professor Emeritus, Pharmazeutisches Institut, Universität Tübingen; Altpräsident DDG). Das Harz des Weihrauchbaums enthält eine Reihe aktiver Wirkstoffe, weiß Prof. Dr. Hermann P.T. Ammon (Professor Emeritus, Pharmazeutisches Institut, Universität Tübingen; Altpräsident DDG). © iStock/alexeys; Privat
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Mit einer Veröffentlichung zum potenziellen Einsatz von Extrakten aus der Weihrauchpflanze in der Diabetestherapie sorgte Professor Dr. Hermann Ammon, Universität Tübingen, für reges Interesse in Forschungskreisen.

Im Interview mit der diabetes zeitung erläutert er, wie bestimmte Inhaltsstoffe entzündungshemmend wirken können und wie die Studienlage derzeit aussieht.

Die Nutzung von Extrakten der Weihrauchpflanze ist kein neuer Ansatz. In welchen Bereichen wird oder wurde dies eingesetzt?

Prof. Dr. Hermann Ammon: Weihrauch bzw. Weihrauchpräparationen werden seit Tausenden von Jahren in verschiedenen Kulturen eingesetzt. Derzeit bei uns insbesondere bei chronischen entzündlichen Erkrankungen mit Autoimmuncharakter wie Asthma bronchiale, rheumatoide Arthritis, chronische Arthritis des Knies, chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcer­osa, chronische Colitis und Morbus Crohn und sogar bei multipler Sklerose. Hierzu gibt es jeweils kleinere klinische Studien.

Welche potenziellen Wirkstoffe oder Wirkstoffgruppen sind von Interesse?

Prof. Ammon: Das Harz und auch der Extrakt enthalten eine Reihe von pharmakologisch aktiven Wirkstoffen – meist mit antientzündlicher Wirkung. Am besten untersucht sind Boswelliasäuren. Chemisch sind das pentazyklische Triterpene, und hier insbesondere die 11-Keto-beta-Boswelliasäure und die O-Acetyl-11-Keto-beta-Boswelliasäure.

Warum sind die Extrakte im Zusammenhang mit Diabetes interessant?

Prof. Ammon: Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der durch fehlgeleitete immunkompetente Zellen sogenannte proinflammatorische Zytokine wie Interleukin 1 (IL1), IL2, IL6, TNF­alpha und INFgamma freigesetzt werden. So kommt es letztlich zur Insulitis – also zu einer Entzündung der Langerhansschen Inseln und zur Zerstörung von insulinproduzierenden Betazellen. Und damit zu Insulinmangel.

Beim Typ-2-Diabetes liegt eine Insulinresistenz vor. Diese wird unter anderem durch proinflammatorische Zytokine hervorgerufen, die aus dem viszeralen Fettgewebe des übergewichtigen Patienten freigesetzt werden – auf Basis einer entzündlichen Reaktion.

Von Weihrauchextrakten und einigen Boswelliasäuren ist bekannt, dass sie die Expression von solchen proinflammatorischen Zytokinen aus Makrophagen und T-Lymphozyten unterdrücken, wie dies bereits bei den chronisch entzündlichen Erkrankungen nachgewiesen wurde. Da ist die Frage, warum sollte dies nicht auch beim Typ-1- und Typ-2-Diabetes funktionieren?

Wie sieht die Studienlage aus?

Prof. Ammon: Ernst zu nehmende klinische Studien gibt es bisher nicht. Außer zwei Studien, die zeigen, dass die Verabreichung von Weihrauchharz bei Patienten mit Typ-2-Diabetes erhöhte Blutlipidwerte reduziert. Zwei Case Reports berichten, dass die Verabreichung eines Extraktes aus dem Harz von Boswellia serrata bei Patienten mit LADA die Konzentration der Insulitismarker GAD65- und IA2-Antikörper im Blut deutlich herabsetzte.

Der von uns vorliegende Ansatz1 fußt auf der Beobachtung, dass im Tierversuch bei Autoimmundiabetes sowohl ein Weihrauchextrakt als auch Boswelliasäuren eine Insulitis, den Blutzuckeranstieg und auch die Expression proinflammatorischer Zytokine unterdrückten. Wir haben also Tierversuche bei Typ-1-Diabetes durchgeführt und konnten durch Gabe von Weihrauchextrakten bzw. Boswelliasäuren verhindern, dass ein Diabetes entsteht und zwar durch Hemmung der Freisetzung proinflammatorischer Zytokine.

Es sollte also in der Publikation in der Zeitung Phytomedicine die Möglichkeit einer neuen Strategie der Diabetesbehandlung angedeutet werden, die sich von den heutigen Konzepten unterscheidet. Und zwar dadurch, dass die physiologischen Kaskaden, an deren Ende die Hyper­glykämie steht, erst gar nicht in Gang gesetzt werden. Klinische Studien belegen bisher eine ausgesprochen gute Verträglichkeit.

Welcher Wirkmechanismus wird vermutet?

Prof. Ammon: Die Expression von proinflammatorischen Zytokinen aus den immunkompetenten Zellen erfolgt nach Aktivierung des nuklearen Transkriptionsfaktors NFkB. Wird dieser aktiv, werden die Gene angeregt, die RNA proinflammatorischer Zytokine zu erzeugen. Bei Verabreichung von Weihrauchextrakten oder verschiedenen Boswelliasäuren wurde beobachtet, dass diese die Aktivierung von NFkB verhindern. Und damit entstehen erst gar keine proinflammatorischen Zytokine. Das ist also der Ursprungsort der eigentlichen Wirkung.

Das hier vorgelegte Konzept der Hemmung der Aktivierung von NFkB mit der Folge der Expressionshemmung von pro­inflammatorischen Zytokinen durch Weihrauchextrakte bzw. Boswellia­säuren und möglichen anderen Stoffen mit gleichem Mechanismus könnte ein Ausgangspunkt für zukünftige klinische Studien sein. Diese müssten dann allerdings beweisen, dass dieses Konzept für die Diabetesbehandlung beim Menschen eine Option ist.

Wie groß ist das Interesse in der Forschungslandschaft?

Prof. Ammon: Nach Publikation des Themas in der Zeitschrift Phytomedicine ergab sich ein immenses Interesse der Forschungslandschaft. In Form von zig Einladungen, dieses Thema bei internationalen Kongressen zu präsentieren bzw. auch in anderen wissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren. Ich gehe davon aus, dass die Forschung bei diesem Thema stimuliert wird. Es erscheinen bei PubMed pro Jahr ca. 50 Publikationen zu vielen Aspekten des Weihrauchs und seinen Inhaltsstoffen. Bei dem Thema tut sich also viel – wenn auch nicht in Deutschland, sondern hauptsächlich in Asien.

Quelle:
1. Ammon HPT. Phytomedicine 2019; 63: 153002. DOI: 10.1016/j.phymed.2019.153002

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