Müde oder schläfrig? Zwei häufige Symptome, die es zu unterscheiden gilt

Autor: Dr. Alexandra Bischoff

Müdigkeit ist nicht gleich Müdigkeit. Sie kommt in vielen Facetten und mit verschiedenen Ursachen. Müdigkeit ist nicht gleich Müdigkeit. Sie kommt in vielen Facetten und mit verschiedenen Ursachen. © iStock/morgan23

Während sich die Tagesmüdigkeit durch körperliche Anstrengung verstärkt, bessert Bewegung die Tagesschläfrigkeit häufig. Beide Symptome sollte man also nicht in dieselbe Schublade stecken – und mithilfe von Fragebogen und Scores genauer quantifizieren.

Von Tagesmüdigkeit, Tagesschläfrigkeit oder Hypersomnie sind schätzungsweise 10–25 % der Bevölkerung betroffen. Die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen ist nicht immer einfach. Anhand der subjektiven Beschwerden kann sie aber gelingen, schreiben Dr. Anelia Dietmann von der Universitätsklinik für Neurologie, Schlaf-Wach-Epilepsie-Zentrum, Inselspital Bern und Kollegen.

Eine ausführliche Anamnese sollte deswegen auch gezielte Fragen nach schlafbezogenen Atemstörungen sowie Medikamenten beinhalten. Grundsätzlich sollten auch organische Ursachen (s. Kas­ten) abgeklärt werden. Neben einer laborchemischen Basisuntersuchung helfen auch Fragebogen bei der Diagnosestellung. Je nach Verdachtsdiagnose können zusätzliche elektrophysiologische Schlafuntersuchungen in einem Schlaflabor erforderlich sein.

Organische Auslöser für Tagesschläfrigkeit bzw. -müdigkeit

  • Herzinsuffizienz
  • Niereninsuffizienz
  • Leberinsuffizienz
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • chronische Infektionskrankheiten
  • Tumore
  • zerebrovaskulärer Insult
  • Parkinson
  • Demenz
  • Myasthenia gravis
  • myotone Muskeldysthrophie Typ 1 Curschmann-Steinert
  • Epilepsie
  • Multiple Sklerose

Etwa 20–30 % der Patienten in einer Hausarztpraxis leiden unter Tagesmüdigkeit. Bekannte Auslöser sind Insomnien oder ein Restless-Legs-Syndrom. Die Betroffenen klagen über Energielosigkeit sowie körperliche Müdigkeit, eine Einschlafneigung besteht aber nicht.

Zwar gibt es bislang keine objektive Messmethode für Tagesmüdigkeit, ein nützliches diagnostisches Instrument ist jedoch die Fatigue Severity Scale (FSS), ein Fragebogen mit insgesamt neun Fragen zu Tagesmüdigkeit und Erschöpfbarkeit. Der daraus errechnete Score (1–7) ist bei Tagesmüdigkeit deutlich erhöht (> 4).

5 % der Bevölkerung leiden tagsüber unter Schlafdruck

Hinter Fatigue, also einer subjektiv empfundenen physischen und/oder psychischen Ermüdbarkeit oder Erschöpfbarkeit bei normaler objektiver Leistungsfähigkeit, können viele organische oder psychische Ursachen stecken. Eine Kombination aus Fatigue und Tagesmüdigkeit wird häufig im Rahmen von psych­iatrischen Erkrankungen beobachtet.

Fatigue und Tagesmüdigkeit werden beide durch körperliche Anstregung verstärkt. Ganz im Gegensatz zu Tagesschläfrigkeit und Hypersomnie. Diese bessern sich oft durch etwas Bewegung. Geschätzt leiden 5 % der Bevölkerung unter einem tagsüber gesteigerten Schlafdruck, also exzessiver Tagesschläfrigkeit (excessive daytime sleepiness; EDS). Die Betroffenen berichten über eine erhöhte Einschlafneigung bis hin zu unabwendbaren Schlafattacken (Sekundenschlaf), ein typisches Symptom z.B. bei Narkolepsie.

Den Begriff Hypersomnie sollte man aktuell nur noch als Bezeichnung spezifischer Erkrankungen innerhalb der Gruppe der Hypersomnolenzen zentralnervösen Ursprungs verwenden. Dazu zählen z.B. Narkolepsie, idiopathische Hypersomnie und Hypersomnolenzen durch Medikamente, Drogen oder andere Substanzen sowie organische Erkrankungen.

Im klinischen Setting hat sich dies allerdings noch nicht durchgesetzt, schreiben die Autoren. So wird die Bezeichnung weiterhin dazu verwendet, um generell das Kardinalsym­ptom von EDS und Hypersomnie zu beschreiben: ein Nachtschlafbedarf, der 10–11 Stunden übersteigt. Die ausgeprägte Tagesschläfrigkeit entsteht, weil die Patienten diesem abnormal erhöhten Schlafbedürfnis im Alltag kaum nachkommen können.

Da der FSS-Score bei Tagesschläfrigkeit meist nicht oder nur leicht erhöht ist, muss die Quantifizierung über andere Fragebogen (z.B. Epworth Sleepiness Scale; ESS) erfolgen. Zusätzlich sind im Gegensatz zur Tagesmüdigkeit objektive Messmethoden im Schlaflabor möglich. Mit dem Multiple Sleep Latency Test (inklusive EEG) wird die durchschnittliche Einschlaflatenz (> 10 Minuten normal; 5–10 Minuten moderate EDS; < 5 Minuten schwergradige EDS) sowie die Tiefe und Art der Schlafstadien beurteilt.

Als Maß für die Kompensationsfähigkeit der EDS lässt sich die mittlere Einschlaflatenz zudem mittels Wachhaltetest messen. Die Objektivierung des übermäßigen Schlafbedarfs gelingt ganz einfach: Der Patient darf ausschlafen (Polysomnographie ad libitum).

Zwischen Medikamenten und Überdruckbeatmung

Die Behandlungsstrategien unterscheiden sich grundlegend je nach Auslöser und reichen von medikamentöser Therapie bis hin zu nächtlicher Überdruckbeatmung:

  • Narkolepsie und idiopathische Hypersomnie: Modafinil oder Methylphenidat und Antikataleptika (falls nötig)
  • psychiatrische Störungen: engmaschige psychiatrische Anbindung, Psychotherapie (Verhaltenstherapie) sowie ggf. weckende Antidepressiva
  • verhaltensinduziertes Schlafmangelsyndrom: Lebensgewohnheiten umstellen und Schlafhygiene verbessern (z.B. Schlaf-Coaching); stimulierende Medikamente nur als Ausnahme
  • Schlaf-Apnoe-Syndrom: nächtliche Überdruckbeatmung
  • körperliche Erkrankungen bzw. Medikamenten-, Drogen- oder Substanzgebrauch: Grunderkrankung behandeln oder Dauermedikation evaluieren und optimieren
  • Restless Legs: Alpha-2-delta-Liganden (Pregabalin, Gabapentin) oder Dopaminagonisten je nach Schweregrad.

Quelle: Dietmann A et al. Swiss Med Forum 2019; 19: 319-324