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Nicht jedes Ödem ruft nach Diuretika – Arzneimittelnebenwirkungen häufig fehlinterpretiert

Autor: Dr. Judith Lorenz

Ödeme müssen nicht aus einer Herzschwäche heraus entstehen, denn manchmal sind auch die Medikamente selbst Schuld. Ödeme müssen nicht aus einer Herzschwäche heraus entstehen, denn manchmal sind auch die Medikamente selbst Schuld. © iStock/Elizaveta Elesina
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Kalziumkanalblocker zählen zu den gängigen Antihypertensiva. Einige Wirkstoffe verursachen typischerweise Beinödeme. Die werden oft nicht als Arzneimittelnebenwirkung erkannt, sondern fälschlicherweise mit Diuretika behandelt. Eine verhängnisvolle Verschreibungskaskade beginnt.

Bis zu 25 % der Patienten, die mit einem Kalziumkanalblocker behandelt werden, entwickeln innerhalb von Wochen oder Monaten nach Beginn der Medikation Ödeme. Häufig werden diese Flüssigkeitseinlagerungen als Herzschwäche fehlinterpretiert und mit Schleifendiuretika behandelt.

Insbesondere für ältere Patienten, die ohnehin durch Polypharmazie gefährdet sind, beginnt damit nicht selten eine verhängnisvolle Abwärtsspirale, berichtet ein Autorenteam um Dr. Rachel D. Savage vom Women’s College Hospital in Toronto. Es drohen Volumenmangel und Elektrolytverschiebungen mit den entsprechenden Komplikationen wie Stürzen und akutes Nierenversagen. Wie häufig ältere Hypertoniker in eine solche Verschreibungskaskade geraten, untersuchten Dr. Savage und ihre Kollegen an einem Kollektiv von mehr als 41 000 Senioren, die neu auf einen Kalziumkanalblocker eingestellt worden waren. Die Vergleichsgruppe bildeten rund 66 000 Personen, die andere Antihypertensiva bekamen.

90 Tage nach Medikationsbeginn erhielten 1,4 % der mit einem Kalziumkanalblocker, aber nur 0,7 % der mit einem ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker behandelten Hypertoniker zusätzlich ein Schleifendiuretikum. Nach einem Jahr waren 3,5 % bzw. 1,8 % der Senioren betroffen.

Allein in den USA werden pro Jahr mehr als 14 Millionen Menschen auf Amlodipin eingestellt, schätzen die Experten. Viele laufen Gefahr, Opfer unnötiger Folgemedikationen zu werden. Um insbesondere ältere Patienten davor zu bewahren, empfehlen die Wissenschaftler eine sorgfältige Prüfung der Indikation für das Antihypertensivum.

Treten nach Medikationsbeginn neuartige Beschwerden auf, müssen differenzialdiagnostisch auch Arzneimittelnebenwirkungen bedacht werden. Eine Dosisreduktion der Medikamente, die Therapieunterbrechung, der Wechsel der Anti­hypertensivaklasse oder nicht-medikamentöse Strategien sind in einem solchen Fall weitere Behandlungs­optionen.

Quelle: Savage RD et al. JAMA Intern Med 2020; DOI: 10.1001/jamainternmed.2019.7087

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