Senkt eine Antibiose vor der Immuntherapie die Überlebensdauer?

Autor: Josef Gulden

Wie die Darmflora die Checkpoint-Hemmung beeinflusst, ist unklar. © picture-waterfall – stock.adobe.com

Checkpoint-Hemmer sind bei vielen Tumoren wirksam – aber nur bei einigen Patienten. Die Darmflora gilt als möglicher Einflussfaktor. Eine retrospektive Studie bestätigt den Verdacht.

Die Darmflora scheint die tumorspezifische Immunität zu modulieren. Beeinträchtigungen in ihrer Zusammensetzung wirken sich offenbar zumindest bei Nieren- und Lungentumoren negativ auf das Ansprechen auf Checkpoint-Inhibitoren aus. Die Datenbasis für diese Beobachtungen ist aber beschränkt – insbesondere fehlte es bislang an Validierungen außerhalb klinischer Studien.

An zwei großen universitären Zentren in Großbritannien wurden deshalb die Daten von insgesamt 196 Patienten ausgewertet, die dort zwischen 2015 und 2018 außerhalb klinischer Studien mit Checkpoint-Inhibitoren behandelt worden waren: 119 wegen eines nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC), 38 wegen eines Melanoms und die übrigen 39 aufgrund verschiedener anderer Tumoren.

Antibiotikagabe während Immuntherapie problemlos

Das Resultat: Eine Behandlung mit Breitspektrum-Antibiotika, die der immunologischen Tumortherapie um mindestens 30 Tage voranging, war mit einer dramatisch kürzeren Überlebensdauer von median zwei Monaten gegenüber 26 Monaten assoziiert. Das Mortalitätsrisiko war dadurch mehr als versiebenfacht (HR 7,4; 95%-KI 4,3–12,8; p < 0,001).

Für eine Antibiose, die zeitgleich mit der Immuntherapie erfolgte, war kein solcher Zusammenhang erkennbar (HR 0,9; 95 %-KI 0,5–1,4; p = 0,76). Außerdem waren von den vorab mit Antibiotika behandelten Patienten fast doppelt so viele primär refraktär gegen die Immuntherapie (81 % vs. 44 %; p < 0,001).

Der Nachteil beim medianen Gesamtüberleben für die antibiotisch vorbehandelten Patienten war konsistent:

  • NSCLC: 2,5 Monate vs. 26 Monate; p < 0,001,
  • Melanom: 3,9 Monate vs. 14 Monate; p < 0,001,
  • andere Tumoren: 1,1 Monate vs. 11 Monate; p < 0,001.

Auch in einer multivariaten Analyse hing das Gesamtüberleben signifikant mit der vorangegangenen Antibiotikatherapie zusammen (HR 3,4; 95%-KI 1,9–6,1; p < 0,001), ebenso wie mit dem Ansprechen auf die Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (HR 8,2; 95%-KI 4,0–16,9; p < 0,001). Der Effekt war unabhängig von anderen Faktoren wie der Tumorlokalisation, der Krankheitslast oder dem Performance-Status, so die Autoren.

Forscher wollen überprüfen wie Effekt zustande kommt

Die Wissenschaftler resümieren: Ein Zusammenhang zwischen Antibiose vor der Gabe von Checkpoint-Hemmern und der Prognose ist sehr wahrscheinlich – trotz einiger Limitationen der Studie. Dringend erforderlich seien nun Untersuchungen zu Mechanismen, wodurch die antibiotikabedingten Veränderungen des Mikrobioms im Darm der Patienten die Wirksamkeit der Immuntherapie beeinflussen könnten. 

Quelle: Pinato DJ et al. JAMA Oncol 2019; DOI: 10.1001/jamaoncol.2019.2785