Mogelpackung Zigarettenfilter Tatsächlicher Schutzfaktor oder nur ein Marketinginstrument?

Autor: Nils Bröckelmann

Jeder dritte Raucher ist fest davon überzeugt, dass er mit den Zigarettenfiltern seiner Lunge etwas Gutes tut. Jeder dritte Raucher ist fest davon überzeugt, dass er mit den Zigarettenfiltern seiner Lunge etwas Gutes tut. © funkenzauber - stock.adobe.com

Zigarettenkippen sind ein ökologisches Desaster. Die Schadstoffe aus weggeworfenen Glimmstängelresten schaden der Umwelt. Wenigstens schützen die Filter den Raucher, oder?

Etwa 6 Billionen Zigaretten werden pro Jahr weltweit verkauft. Und ob an Stränden oder in Städten: Kein weggeworfener Artikel wird häufiger eingesammelt als Zigarettenfilter. Dennoch landen noch genug davon in der Umwelt und setzen dort toxische Substanzen frei. Dabei haben sie vorher noch nicht einmal einen Nutzen gehabt.

Das Produkt, das i.d.R. aus Zelluloseacetat, einem auf Pflanzenbasis hergestellten Kunststoff, besteht, schützt nicht vor den Gefahren des Tabakrauchens. Laut Prof. Dr. ­Thomas ­Novotny und Laila­ Hamzai­ von der School of Public Health der San Diego State University dürfte man deshalb die „Filter“ gar nicht als solche bezeichnen. Wären die Kunststoffprodukte wirksam, hätte man in den letzten Jahrzehnten weniger negative Folgen des Tabakrauchens beobachten müssen, argumentieren die Autoren. Das ist aber nicht der Fall gewesen. Insgesamt könne man eher von einer veränderten Zusammensetzung des Rauches durch die Filter als von einem wirksamen Filtereffekt sprechen. 

Bisher gibt es beim Menschen lediglich eine kleine Pilotstudie, die ungefilterte und gefilterte Zigaretten vergleicht. Nach vorläufigen Ergebnissen schraubten Raucher ihren Zigarettenkonsum mit ungefilterten Glimmstängeln eher zurück,  erlebten damit aber weniger Genuss. Ein Metabolit von Nikotin im Urin blieb zudem in beiden Gruppen etwa konstant.

Filter sollten früher den Mund tabakfrei halten

Warum aber findet man in fast allen kommerziell vertriebenen Zigaretten Filter? Dabei spielen laut den Autoren vor allem Interessen der Industrie und die Praktikabilität eine Rolle. Historisch gesehen wurden die Endstücke entwickelt, um den losen Tabak vom Mund fernzuhalten. Sie sind günstiger als Tabak, sodass Hersteller Kosten sparen können. Außerdem versuchte man von Seiten der Industrie seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts, die Filter als schützendes Produkt zu bewerben – mit Nachwirkungen bis heute. In einer Studie aus 2021 gingen 29 % der Nichtraucher und 33 % der Raucher davon aus, dass die Filter effektiv Schadstoffe aufnehmen. 

Die Zellulosefilter bestehen aus Tausenden Strängen von Plastik, die nach und nach in die Umwelt freigesetzt werden. Im Meer verbindet sich das Mikroplastik teils mit Chemikalien, schadet Kleinstlebewesen und gelangt über Fische oder Muscheln auch in den menschlichen Organismus. Studien belegen toxische Effekte auf Pflanzen und Tiere und legen schädliche Auswirkungen auf den Menschen nahe, der die belas­teten Organismen konsumiert. Die US-amerikanischen Kollegen bezeichnen das Produkt aus Zellulose­acetat schlicht als Marketinginstrument, das dazu ermuntert, mit dem Rauchen anzufangen und dann auch noch den Ausstieg erschwert.  

Die Autoren fordern ein Umdenken – die Filter müsse man als Produktzusätze deklarieren – und fordern die Politik auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die Gefahren für Mensch und Umwelt zu adressieren. Warnungen auf Packungen könnten eine davon sein. 

Quelle: Novotny TE, Hamzai L. Tob Control 2023; DOI: 10.1136/tc-2023-057925