Tiere wie Spinne und Axolotl helfen bei der Wundversorgung

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Axolotl können verlorene Gliedmaßen sowie Teile des Gehirns und Herzens neu bilden. © Andrea Izzotti – stock.adobe.com

„Bio“ im OP bedeutet nicht, dass der Chirurg einen Kittel aus ökologisch produzierter Baumwolle trägt. Vielmehr geht dort der Trend zur Wundversorgung mit Biomaterialien von diversen Tieren.

Vor allem anderen steht in der Therapie chronischer Wunden das Débridement, betonte Privatdozentin Dr. Cornelia Erfurt-Berge von der Hautklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Mechanisch, autolytisch, enzymatisch, mittels Hydrotherapie oder Ultraschall: Vieles wurde und wird dabei probiert. Und beinahe regelmäßig kommt auch immer wieder die Biochir­urgie ins Spiel.

In den USA sind Pansen- und Fischhautgewebe zugelassen

Eine bewährte Methode in diesem Geschäft sind steril gezüchtete Fliegenlarven. Im geschlossenen System oder als „Freiläufer“ kommen sie für drei Tage auf die Wunde. Mit ihrem Speichelsekret lösen sie nekrotische oder fibrinöse Beläge auf und schlucken sie weg. Außerdem haben sie eine antimikrobielle Wirkung. Zu den neueren Biomaterialien zählen zellfreie Gewebematrices aus Fischhaut oder Vormägen von Schafen. „Healing becomes a fishing business“, brachte es die Referentin auf den Punkt. Die Matrices enthalten eine Vielzahl bioaktiver Substanzen, die als Basis für Zellmigration und -proliferation dienen und sich z.B. auch für die Kombination mit einer Vakuumtherapie eignen.

Allerdings braucht man für die Anwendung einen sauberen, granulierenden Wundgrund. Die amerikanische Arzneimittelbe­hörde hat die Materialien bereits als Medizinprodukt zuge­lassen, vom Status einer Standardtherapie sind sie aber noch weit entfernt. Einen anderen vielversprechenden Ansatz bieten aus Adipozyten abgeleitete Stammzellen. Sie zeigten bereits in mehreren Studien gute Erfolge.

Spinnenseide bessert wohl die Neovaskularisation

Dr. Sarah Strauß von der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover widmete sich alten Ansätzen in neuer Erprobung. Beispiel Spinnenseide. Sie diente schon im Altertum zur Behandlung von Impetigo, Nagelbettentzündungen und chronischen Wunden. Heutzutage laufen viele Versuche damit im Bereich Tissue Engineering. Denn es ließ sich feststellen, dass Kapillaren in die Seide einwachsen können, und man geht davon aus, dass sie die Neovaskularisation güns­tig beeinflusst.

Laufente einer Mitarbeiterin erfolgreich geheilt

An Schafen und dem verletzten Haustier einer Mitarbeiterin – einer Laufente – zeigte sich unter der Behandlung mit Spinnenseide ein rascher Wundverschluss mit einer restitutio ad integrum. Dr. Strauß berichtete zudem von Eigenversuchen, in denen kleine Wunden durch die Therapie völlig ohne Narben heilten.

Ihre persönlichen Favoriten sind allerdings die Axolotl, die sie auch als Haustiere hält. Die Schwanzlurche besitzen tatsächlich die Fähigkeit, verlorengegangene Gliedmaßen wiederherzustellen. Außerdem schaffen sie ebenfalls eine narbenfreie Heilung. In Hannover läuft eine aufwendige Grundlagenforschung, über welche molekularen Mechanismen die kleinen Regenerationskünstler das machen und wie man sich das evtl. für den Menschen zunutze machen könnte.

Smart wird die Wunde

Smarte Technologien werden wohl auch in die Wundversorgung Einzug halten. Dr. Erfurt-Berge stellte intelligente Verbände mit Sensoren in den Auflagen vor. Kontinuierlich können so Messungen in der Wunde stattfinden, z.B. von Laktat, Temperatur, pH oder reaktiven Sauerstoffspezies. „Irgendwann ruft der Verband dann beim Personal an und sagt, dass er gewechselt werden muss“, so die Dermatologin. Ob dann aber immer zeitnah darauf reagiert werden kann, z.B. von einem Pflegedienst mit klar definierten und eng getakteten Besuchszeiten, muss sich erst noch zeigen.

Gespendetes Gewebe aus der Hautbank

Darüber hinaus haben die Kollegen der Medizinischen Hochschule Hannover eine abteilungseigene Hautbank aus vitaler und kryokonservierter Spenderhaut angelegt. Mit Genehmigung des zuständigen Gewerbeaufsichtsamtes dürfen daraus seit Januar 2020 allogene­ Transplantationen erfolgen. Bei so vielen neuen Materialien sollte man meinen, dass es doch endlich klappen müsste mit der optimalen Wundversorgung. Doch Dr. Erfurt-Berge glaubt da eher an die Worte des ehemaligen Präsidenten der European Wound Management Association: „Nicht der Wechsel der Produkte, sondern die Organisation des richtigen Teams steigert die Chancen auf eine Heilung.“

Quelle: 03. Nürnberger Wundkongress 2019