Transplantations-Patienten lange nachbeobachten

Autor: Friederike Klein

Kurzfristig rettet die Stammzelltransplantation Leben, aber langfristig kann sie auch negative Folgen haben. Kurzfristig rettet die Stammzelltransplantation Leben, aber langfristig kann sie auch negative Folgen haben. © Vadim – stock.adobe.com

Stammzelltransplantationen können Leben retten – gehen allerdings teilweise mit schweren Komplikationen wie koronaren Herzerkrankungen einher. Mitunter treten sie erst Jahre nach der Behandlung auf. Wichtig ist es daher, die Betroffenen langfristig zu betreuen.

Eine Stammzelltransplantation geht nicht spurlos an den Patienten vorbei: 20 Jahre später leiden sie unter Spätfolgen und entwickeln wesentlich häufiger schwere Erkrankungen als ihre nie krebskranken Geschwister, berichtete Professor Dr. Radhika­ Gangaraju­ von der University of Alabama at Birmingham.1 Sie stellte die Befragung von 3479 Patienten über die gesundheitlichen Folgen der Stammzelltransplantation vor. Diese hatten sich zwischen 1974 und 2014 aufgrund einer hämatologischen Neoplasie einer autologen (50 %) oder allogenen (50 %) Knochenmarktransplantation unterzogen und mind. zwei Jahre überlebt. Als Vergleichskohorte fungierten 1131 Geschwister ohne Krebserkrankung.

Bis zu zwölffach erhöhtes Risiko für eine KHK

Die Überlebenden hatten signifikant häufiger als Personen der Kontrollgruppe Diabetes, Bluthochdruck, Dyslipidämie oder bereits einen Apoplex erlitten (13,3 % vs. 4,2 %; 31,6 % vs. 21,8 %; 29,4 % vs. 17,9 % und 3,1 % vs. 0,97 %). Das Risiko auf eine allogene Stammzelltransplantation eine koronare Herzkrankheit (KHK) zu entwickeln, war um den Faktor 7,24 gegenüber Geschwistern erhöht. Im Falle einer autologen Transplantation stieg es sogar um 11,7, betonte Prof. Gangaraju­.

Die kumulative Inzidenz einer KHK betrug 20 Jahre nach allogener Transplantation 4,7 %. Besonders gefährdet waren Männer, Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren oder mit vorangegangener zielgerichteter Therapie. Mit einer autologen Stammzelltransplantation ging eine kumulative Inzidenz von 9,1% einher. Die Forscher identifizierten erneut das männliche Geschlecht und kardiovaskuläre Faktoren, aber auch Rauchen, Arrythmien und eine Thorax­bestrahlung vor der Transplantation als besonders risikoreich. Da sich nach beiden Eingriffen die Gefahr für eine KHK mit dem Alter erhöht, sprach sich Prof. Gangaraju­ dafür aus, stärker als bisher die kardiovaskuläre Prävention mit in die Langzeitbetreuung zu integrieren.

Zwei Drittel der Kinder hatten ein chronisches Leiden

Das Team um Dr. Anna Sällfors­ Holmqvist, Lunds universitet, wiederum untersuchte 865 Empfänger einer allogenen Stammzelltransplantation in der Kindheit, die mindestens zwei Jahre überlebt hatten, hinsichtlich chronischer Gesundheitsprobleme.2 Das mittlere Alter der Teilnehmer während der Transplantation betrug 10,6 Jahre. Median 10,7 Jahre später waren 285 von ihnen gestorben. Fast zwei Drittel der Überlebenden litten unter einem chronischen Gesundheitsproblem des Grads 1–5, bei einem Drittel war dieses schwer ausgeprägt oder sogar fatal. Die Rate erhöhte sich mit steigendem Lebensalter. Prädiktoren für Einschränkungen von Grad 3–5 waren neben dem Alter das weibliche Geschlecht, die Verwendung peripherer Stammzellen, eine durchgeführte Ganzkörperbestrahlung sowie ein nicht verwandter Spender.

Die Forscher verglichen die 580 Patienten mit einer Geschwisterkohorte. Im Alter von 35 Jahren litten weitaus mehr Stammzell­empfänger unter chronischen Problemen von mind. Grad 3 als die Kontrolle (49,1 % vs. 6,9 %). Besonders erhöht war das Risiko für Katarakte, Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, Schilddrüsenknoten, Gelenkersatz und sensorineurale Leiden bis hin zu Blind- und Taubheit. Die Expertin plädierte dafür, Personen, die sich in der Kindheit einer allogenen Transplantation unterzogen hatten, risikobasiert langfristig nachzubeobachten.

1. Gangaraju R et al. 62. ASH Annual Meeting (virtual); Abstract 73
2. Holmqvist AS et al. A.a.O.; Abstract 69

Quelle: 62. ASH Annual Meeting (virtual)