Anzeige

Reisen mit psychischer Erkrankung Unterwegs mit seelischem Übergepäck

Autor: Lisa Hartmann

Psychische Erkrankungen reisen immer mit. Psychische Erkrankungen reisen immer mit. © iStock/fcscafeine
Anzeige

Jetlag, Verständigungsprobleme, Kulturschock und hohe Erwartungen an den Urlaub: Schon für seelisch Gesunde kann eine Reise äußerst strapaziös werden. Wie stressig muss sie dann erst für Menschen mit psychischen Erkrankungen sein? Wie bereitet man seine Patienten am besten vor?

Es ist kaum verwunderlich, dass auch Menschen mit Depressionen, bipolarer Störung, Schizophrenie oder Psychose aus ihrem Alltag raus und verreisen wollen. Um als Arzt seinen Patienten mit psychischen Erkrankungen ein gutes Urlaubserlebnis zu ermöglichen, sollte man einiges bei der reisemedizinischen Beratung berücksichtigen, so Dr. ­Hans-Jürgen ­Schulz von der Psychiatrischen ­DRK-Tagesklinik in Worms.

Generell gilt: Reisen löst keine Probleme. Und wer zu Hause keine seelische Stabilität erreicht, dem gelingt das wohl auch in der Ferne nicht, machte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie deutlich. Im schlimmsten Fall verstärken sich die Probleme während des Urlaubs, und mitunter tritt eine vorbestehende psychische Erkrankung infolge der Belastungen der Reise erstmals auf. Psychisch Kranke sollten im akuten Stadium der  Krankheit ihre gewohnte Umgebung nicht ohne Not verlassen, so der Rat des Arztes. Sind die Patienten allerdings medikamentös gut eingestellt und nehmen sie ihre Arzneimittel zuverlässig ein, können sie durchaus verreisen, so der Referent. Am besten sind sie gemeinsam mit einer ihnen nahestehenden Person unterwegs.

Bereits bei der Planung ist zu berücksichtigen: Bekommt der Patient Depot­medikamente, muss der Urlaub gegebenenfalls um die Einnahme herum geplant werden. 

Ärztliche Bescheinigungen einholen und mitführen

Arzneimittel sollten in ausreichender Menge im Handgepäck mitgeführt werden, sodass sich bei unvorhergesehenen Ereignissen zur Not einige Tage mehr überbrücken lassen. Für manche Länder sind ärztliche Bescheinigungen für die Einfuhr bestimmter Medikamente erforderlich. 

Wer Lithiumpräparate einnimmt, muss stets genügend trinken, um einer Vergiftung vorzubeugen, erinnerte Dr. ­Schulz. Darauf müsse man noch einmal nachdrücklich hinweisen, insbesondere bei Reisen in heiße Regionen. Auf eine Malariaprophylaxe mit ­Mefloquin sollte man tunlichst verzichten, da die Substanz Psychosen auslösen kann. Ist die Einnahme unumgänglich, empfiehlt sich ein Testlauf zwei bis drei Wochen vor Urlaubsantritt.

Bei der medizinischen Reiseberatung muss auch an Substanzmissbrauch gedacht werden, was eine häufige Komorbidität von Depressionen, bipolaren Störungen, Schizophrenie und Psychosen ist. In der Praxis hilft der ­CAGE-Fragebogen (s. ­Kasten) dabei, den Alkoholkonsum des Patienten zuverlässig einzuschätzen. Bei Abhängigkeit sind Länder mit strikten Alkoholgesetzen als Reiseziele nicht geeignet. Denn ein Rausch kann dort schnell im Gefängnis enden, und ein Entzug birgt die Gefahr zerebraler Krampfanfälle.

Ein Fragebogen bringt es an den Tag

Der CAGE-Kurzfragebogen umfasst vier Aspekte, mit denen sich abhängiger oder problematischer Alkoholkonsum erkennen lässt. Das Akronym steht für Cut down drinking, ­Annoying, ­Guilty sowie Eye-opener und für Fragen, die man dem Patienten während des Arztgespräches stellen sollte:

  • „Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?“
  • „Ärgert Sie Kritik Ihrer Mitmenschen an Ihrem Alkoholkonsum?“
  • „Haben Sie schon einmal Schuldgefühle aufgrund ihres Trinkverhaltens empfunden?“
  • „Haben Sie jemals morgens nach dem Aufwachen Alkohol getrunken, um besser in den Tag starten zu können?“

Wenn mehrere der vier Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, ist Alkoholmissbrauch als wahrscheinlich anzunehmen.

Ähnliches gilt für Drogenabhängige – nur dass die Strafen für das Mitführen der illegalen Substanzen und deren Konsum meist drastischer ausfallen, bis hin zur Todesstrafe. Eine Reise unter Substitutionstherapie ist zwar herausfordernd, aber möglich, so Dr. ­Schulz.

In jedem Fall gehört ein englischsprachiger Arztbrief mit Diagnose und Medikation ins Reisegepäck. Da im Urlaub die Suizidgefahr insbesondere bei Menschen mit Depressionen ansteigt, sollte man mit dem Mitreisenden über das Verhalten im Notfall reden. Um für eine Selbsttötung keine zusätzliche Gelegenheit zu schaffen, ist von Abenteuern wie Wüstentouren und von gefährlichen Sportarten abzuraten.

Vorbereitung entschärft potenzielle Krisen

Ein Krisenplan hilft, um im Ernstfall angemessen reagieren zu können. Darin sollten die Kontaktdaten von psychiatrischen Kliniken und Praxen von daheim und am Urlaubsort enthalten sein. Ein Blick in die Reisekrankenversicherung kann einiges an Ärger ersparen, denn viele Policen greifen bei psychischen Erkrankungen oder chronischen Leiden nicht.

Quelle: 23. Forum Reisen und Gesundheit

Anzeige