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Migräne Vier Alternativen zur Pharmakotherapie

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Komplementäre Behandlungsansätze wie Physiotherapie, Entspannungstechniken und Verhaltenstherapie können die medikamentöse Therapie der Migräne abrunden. Komplementäre Behandlungsansätze wie Physiotherapie, Entspannungstechniken und Verhaltenstherapie können die medikamentöse Therapie der Migräne abrunden. © iStock/Nikola Nastasic
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Neue medikamentöse Strategien haben das Management der Migräne und anderer chronischer Kopfschmerzen erheblich verbessert. Doch dadurch werden komplementäre Ansätze nicht überflüssig. Ihr Einsatzbereich ist vor allem die Prophylaxe.

Physiotherapie

Die Zahl der Migränetage lässt sich durch physiotherapeutische Verfahren stärker senken als durch ein ebenfalls empfohlenes aerobes Ausdauertraining, schreiben Anna-Lena­ Guth vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt und Kollegen. Außerdem kann Physiotherapie Intensität und Dauer der Beschwerden reduzieren, was zu geringerer Beeinträchtigung im Alltag und verbesserter Lebensqualität führt.

Um bei Migränepatienten die Indikation für physiotherapeutische Verfahren zu stellen, haben sich fünf einfache Tests bewährt (s. u). Mit ihrer Hilfe lassen sich Personen identifizieren, bei denen zervikale Strukturen großen Einfluss auf die Cephalgie haben. Patienten mit einem in den Kopf fortgeleiteten Schmerz im Provokationstest (durchgeführt außerhalb einer Migräneattacke) scheinen besser auf Physiotherapie anzusprechen als Leidensgenossen ohne diesen Befund.

Der günstige Effekt perikranieller Anwendungen (manuelle Therapie, Übungen) lässt sich mit der Konvergenz afferenter Fasern der HWS-Segmente C1–3 zum Kerngebiet des N. trigeminus erklären. Aktive Techniken sind passiven dabei vorzuziehen, weil sie dem Patienten Gelegenheit bieten, seine Erkrankung selbst positiv zu beeinflussen. Eine langfristige Betreuung durch den Physiotherapeuten ist in der Regel nicht erforderlich. Es genügt, die Übungen anzuleiten und im Anschluss zu kontrollieren, ob der Patient sie korrekt ausführt. Für das Ausdauertraining in Eigenregie empfiehlt sich ein professioneller Übungsplan.

Indikation für Physiotherapie

Anhand der folgenden fünf Kriterien lässt sich klären, ob Physiotherapie bei einem Migränepatienten aussichtsreich ist:

  • myofasziale Triggerpunkte
  • Kopfposition nach anterior
  • zervikales Bewegungsausmaß
  • segmentale Hypomobilität der HWS
  • Flexions-Rotations-Test

Entspannungstechniken

Besonders bewährt haben sich zwei Verfahren: die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und das Autogene Training. Beide senken die erhöhte Grundanspannung des Patienten und unterstützen die Stressbewältigung. Die leicht erlernbare Progressive Muskelentspannung fördert die Körperwahrnehmung und sorgt dafür, dass die Aufmerksamkeit vom Schmerz weggelenkt wird. Weitere Techniken, darunter Atementspannung und Qi Gong, kommen inzwischen verbreitet zum Einsatz. Ein Vorteil aller aktiven Entspannungstechniken: Sie stärken das Vertrauen des Patienten in die Fähigkeit, seinen Kopfschmerz selbst lindern zu können. Allerdings lässt sich ein positiver Effekt nur mit regelmäßiger Übung erzielen.

Biofeedback

Weitere nicht-medikamentöse Möglichkeiten sind die verschiedenen Biofeedbackverfahren. Trotz nachgewiesener Wirksamkeit werden sie noch immer zu selten angewandt, monieren die Autoren. Mithilfe des Biofeedbacks erhält der Patient eine visuelle oder akus­tische Rückmeldung zu normalerweise unbewusst ablaufenden Körpervorgängen. So kann er lernen, diese Prozesse willentlich zu beeinflussen. Ein wichtiges Einsatzfeld ist die Prophylaxe der Migräne. Zur Behandlung akuter Attacken eignet sich insbesondere das Vasokonstriktionstraining: Mithilfe eines Blutvolumenpuls-Biofeedbacks übt der Betroffene, die Schläfenarterie aktiv zu verengen, um dadurch den Schmerz zu lindern.

Kognitive Verhaltenstherapie

Psychotherapeutische Ansätze sind in der Kopfschmerzprophylaxe ebenso wirksam wie Medikamente, erklären die Autoren. Am häufigsten eingesetzt wird die Kognitive Verhaltenstherapie (einzeln oder in der Gruppe). Sie zielt u.a. darauf, den Umgang mit Triggern zu verbessern, statt diese schmerzauslösenden Faktoren zu vermeiden. Die Therapie vermittelt dem Patienten beispielsweise, wie er mit Stresssituationen leichter zurechtkommt und Erwartungs- und Attackenängsten besser begegnen kann. Schlussendlich geht es darum, den Schmerzmittelkonsum zu reduzieren.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Therapie häufiger psychischer Begleiterkrankungen der Migräne wie Depression und Angststörungen. Denn unbehandelt fördern diese die Chronifizierung der Schmerzen und damit den übermäßigen Gebrauch von Analgetika.

Quelle: Guth AL et al. Schmerzmedizin 2021; 37: 46-49; DOI: 10.1007/s00940-021-3190-6

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